Verfasst von: nullmeridian | 17 Mai, 2010

Dank der Onlineauftritte rechtfertigen sich Gebühren erst!

In einem interessanten Artikel (Es geht erstaunlich gut) der insgesamt lesenswerten Serie Wozu noch Journalismus der Süddeutschen Zeitung schreibt Wolfgang Blau über den Online-Auftritt öffentlich-rechtlicher Nachrichtenportale folgendes:

„Der Skandal öffentlich-rechtlicher Nachrichtensites ist nicht ihre Existenz, sondern ihre unnötige und verwirrende Vielzahl. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb die ARD ihre föderale Struktur im Netz noch einmal nachbauen muss und weshalb Deutschland eine solche unüberschaubare Vielfalt überregionaler, gebührenfinanzierter Nachrichtenportale braucht. Vielleicht wären die Verlage besser beraten, für eine Beschränkung der Öffentlich-Rechtlichen auf nur zwei, sehr leistungsfähige Nachrichtensites zu kämpfen – tagesschau.de und heute.de – und gleichzeitig Dienstleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender für ihre eigenen Websites einzufordern.“

Dieser Auffassung möchte ich, natürlich aus eher subjektiver Sicht, etwas entgegenhalten. Jahrelang habe ich mich als GEZ-Zahler völlig ungerechtfertigt zum zahlen genötigt gefühlt. Natürlich war ich im Besitz eines Radioempfängers und ein Fernseher stand in unserer Wohnung auch irgendwo herum, wenn es auch nicht meiner war. Die Zeit, die ich diese Medien nutzte war aber keineswegs ausreichend um die Höhe der GEZ-Gebühren auch nur ansatzweise zu rechtfertigen. Erst mit den Online-Angeboten, vor allem auch denen der föderalen  Struktur des ARD und der Dritten Programme kam es dazu, dass ich meine Radiogebühren als sinnvolle Investition betrachte und gerne die paar Euros im Monat überweise.

Kein privatwirtschaftliches Nachrichten- oder Radioportal hat es bisher geschafft ein annähernd ähnlich gutes Angebot an Audio- und Videopodcasts, wobei mich persönlich dabei im wesentlichen die Audiobeiträge interessieren, zur Verfügung zu stellen. Darin sehe ich die eigentlich Zukunft und Aufgabe öffentlich-rechtlicher Radiostationen: politische, gesellschaftlich-kulturelle, ökonomische und wissenschaftliche Bildung und Information im zeitsouveränen Angebot in ausreichender Breite zur Verfügung zu stellen! Hierfür bieten öffentlich-rechtliche Anbieter noch immer die mit Abstand besten Bedingungen, da nur so hochwertige Beiträge für geringe Nutzungskosten einer Gesamtbevölkerung unabhängig von deren jeweiliger finanziellen Verfassung, zur Verfügung gestellt werden können. Dass bisher kaum privatwirtschaftliche Anbieter in diesen Markt vordringen mag auch daran liegen, dass Podcasting insgesamt leider noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erfährt und damit die Nutzerzahlen nur recht langsam wachsen. Ein anderer wichtiger Grund ist jedoch auch, dass solche Angebote bei gleicher Qualität wahrscheinlich viel zu teuer wären, um jederfrau und jedermann uneingeschränkt verfügbar zu sein.

Ob gebühren-finanzierte Radio- und Fernsehstationen neben den audiovisuellen Angeboten auch noch ausführliche online-Printplattformen bedienen müssen, und dadurch als zusätzliche Konkurrenz am schwierigen Onlinemarkt mitmischen, ist sicherlich eine andere Frage auf die andere Antworten gesucht werden müssen. Was das angeht, folge ich Wolfgang Blau durchaus wieder dem, was er im darauf folgenden schreibt: Die Frage danach, warum öffentlich-rechtliche Anbieter ihre Angebote nicht zur kostenlosen Weiterverwendung den Privaten zur Verfügung stellen. Zu diesem Aspekt wurde bereits auf KOOPTECH gebloggt.

Da ich jedoch überzeugt davon bin, dass sowohl Ton- als auch Bewegtbild-Beiträge in Zukunft immer mehr zeitlich und geographisch souverän und nicht wie früher nach festen Terminen und auf bestimmte Regionen beschränkt abgefragt werden, bieten die öffentlich-rechtlichen Anbieter bisher, abgesehen von einigen CreativeCommons- bzw. Nonprofit-Angeboten, die einzig vernünftigen und qualitativ hochwertigen Programme.

Verfasst von: nullmeridian | 1 November, 2009

Kommentar zum Journalismus vs. Blogosphären Diskurs

In den letzten Tagen habe ich an verschiedenen Stellen über die gegenseitigen Vorwürfe von Journalisten und BloggerInnen sowie der Abmahnung durch die Journalistin Eva C. Schweitzer gegen einen Blogger wegen eines etwas längeren Zitats auf dem Blog nomnomnom gelesen. Dazu wurde mittlerweile eigentlich auch genug gestritten, gebloggt und gesagt. Ein paar Links, die einen Einblick in die Debatte bieten, werde ich am Ende meines Kommentar setzen. Trotzdem will ich auch meine persönliche Meinung zu diesen Angelegenheiten kundtun, da ich schon seit längerem immer wieder verärgert und überrascht über den unkundigen Umgang klassischer (Medien-)unternehmen mit dem Medium Internet bin.

Schon öfters haben Abmahnungen wegen verschiedener (angeblicher) Urheberrechtsverletzungen dazu geführt, dass Privatpersonen plötzlich von erheblichen finanziellen Forderungen überrascht wurden. Diese Praxis von Unternehmen, die sich solche Rechtstreitigkeiten ohne Weiteres leisten können, scheint mir vor allem dem Ziel der Abschreckung und Einschüchterung zu dienen. Möglicherweise mögen die Forderungen aus rechtlicher Sicht teilweise legitim sein, ethisch moralisch sind sie es in den seltensten Fällen. Medienhäuser und Unternehmen bedienen sich einer Praxis, die sonst deren Umgang untereinander prägte völlig gedankenlos (oder auch in berechnender Absicht) gegen Privatpersonen.

Die meisten Blogs dienen keinem kommerziellen Zweck, sondern sind eine wunderbare Möglichkeit in gewissem Umfang am öffentlichen, demokratischen Diskurs teilzunehmen. Ohne große technische Kenntnisse und Programmiererfahrungen kann Jede und Jeder seine Gedanken, Meinungen und Beiträge einer potentiellen Gesamtöffentlichkeit zur Verfügung stellen. Dies sollte in demokratischen Ländern, die Aufklärung und Bildung als Grundmaxime für sich postulieren auf uneingeschränkte Unterstützung stoßen. Auch und vor allem von Journalisten die sich im Dienst dieser Aufklärung und als so genannte „Vierte Gewalt“ betrachten, sollten diese Möglichkeiten der Öffentlichkeit nicht Abwehr sondern Zuspruch erfahren. Dass es oft mehr auf Abwehr stößt ist eigentlich nur aus einem Gefühl der Bedrohung des eigenen Standes zu erklären. Aus Angst um die eigene Aufmerksamkeit und vielleicht aus realer Bedrohung des Arbeitsplatzes und zunehmend prekärer Vergütung für eine anspruchsvolle und äußerst wichtige Dienstleistung. Dieses Gefühl ist verständlich, richtet sich in seiner Abwehr jedoch an die falsche Adresse!

Das Problem der klassischen Medien im Internet ist ein vorwiegend selbst gemachtes. Schon seit Jahren wird von netzkompetenten Stimmen die bessere Nutzung der Möglichkeiten von Hypertext angemahnt. Blogs nutzen Verlinkungen ausgiebig und in alle Richtungen, ob kritisch, ergänzend oder zustimmend. Auch das Heise-Nachrichtenportal Telepolis macht die richtige Verwendung von Links seit langem vor. Wieso nutzen nicht auch klassische Printmedien Links zu anderen Zwecken als zu unendlichen Selbstverlinkungen, unnötigen Bilderstrecken und im Extrem sogar zu Satzstücken die durch Clicks fortgesetzt werden? Na ja, wieso sie das tun ist klar! Clicks werden gezählt, daran misst sich der Markt- und damit Werbewert. Da Werbung im Onlinemarkt für Medienunternehmen bisher das einzige Mittel ist um wenigsten ein bisschen Kapital aus dem eigenen Content zu schlagen, wird alles getan um möglichst viele Clicks zu erhalten und gleichzeitig Clicks bei der Konkurrenz zu verhindern. Dieser Schuss geht jedoch gehörig nach hinten los. Ich stelle hier einmal die nicht überprüfte These auf, dass der Niedergang bzw. die Probleme klassischer Medien im Internet (und damit auch im Printmarkt) zu einem gewissen Teil auch durch diesen falschen Umgang mit dem Medium verursacht wurde.

Eine andere These ist, dass vielleicht das bloße zählen von Clicks zur Berechnung des Werbewertes vielleicht eine grundlegend falsche Strategie ist! Sind nicht wesentlich aussagekräftiger die Links, die von anderer Stelle auf Inhalte verweisen? Nur so kommen neue Websurfer auf bestimmt Portale und diese sind doch für Werbemittel von besonderer Bedeutung. Wäre dies Praxis, wäre damit auch jeder Link, jedes Zitat auf einem Blog oder an anderer Stelle ein realer Marktwert und müsste nicht mit peinlichen Abmahnungen quittiert werden.

Daher sollten sich Journalisten, die sich in ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Stellung bedroht fühlen oder es vielleicht sogar real sind, vielmehr in ihren Medienhäusern dafür einsetzen, dass der Umgang mit Links endlich kompetent gehandhabt wird. Es soll verlinkt werden, und zwar kreuz und quer. Auf eigene, konkurrierende und nicht-kommerzielle Quellen. Nutzt die wunderbaren und kostenlosen Inhalte von Wikipedia und anderen Quellen um eure Inhalte mit zusätzlichem Wissen zu füllen und den Lesern vertiefendes Material anzubieten.

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Links zum Thema:
taz-Blog von Eva C. Schweitzer Insbesondere die Beiträge „Empire Strikes Back“ und „A New Hope“
Spreeblick
Freischreiber – Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten
F!XMBR
Streifzugs Blog auf Freitag
Verfasst von: nullmeridian | 14 September, 2009

Rette deine Freiheit!


Eine sehr schöne Antiwerbung für die CDU/CSU und deren derzeitige Sicherheitspolitik in Bezug auf das Internet und Schäubles Plänen zur Terrorabwehr hat Alexander Lehmann mit diesem Video geliefert. Satire, aber leider auch schon viel zu wahr! Auf der Projektseite kann das Video in verschiedenen Qualiäten heruntergeladen werden. Außerdem finden sich zu den angesprochenen Punkten Erklärungen auf welche Gesetze und Gesetzesvorschläge diese sich jeweils beziehen (mit weiterführenden Links). Sehr hilfreich um einen Überblick zu bekommen.

Wenn das nicht ausreicht all jenen die halbwegs an den freiheitlichen Aspekten der Demokratie interessiert sind, die CDU als mögliche Wahlentscheidung ein für allemal zu verbieten, ist wohl nicht mehr zu helfen.

Und weil’s so gut zum Thema passt, sei an dieser Stelle allen das neue Buch von Ilija Trojanow und Juli Zeh „empfohlen“ (weil ich’s selbst auch erst noch lesen muss): Angriff auf die Freiheit. Im Deutschandradio wurde das Buch hier sehr ausführlich besprochen (♫♪ Podcast zum hören ♫♪)

Diesen Aufruf gegen die Wahl Faruk Hosnis als neuen UNESCO-Generaldirektor, von Claude Lanzmann, Bernhard-Henri Lévy und Elie Wiesel, übersetzt und abgedruckt in der heutigen FAS kann man allein wegen der wenigen zitierten Aussagen Hosnis nur von Herzen unterstützen und hoffen, dass diesem Mann kein solch wichtiges kulturelles Amt übertragen wird!

Verfasst von: nullmeridian | 8 Mai, 2009

Frechheit des Monats

Seit ein paar Tagen lag sie im Flur, heute hab ich sie aus ihrer Folienverpackung befreit und einen ersten Blick hineingeworfen. Was ich sah machte mich einigermaßen sprachlos: Ein ganzes Heft allein aus ehemaligen Artikeln der letzten 60 Jahre! Das Ding kostet als Einzelheft 10,50 Euro!

Schon lange bin ich mir meines Abonnement nicht mehr sicher, doch jetzt ist’s tatsächlich genug! Das ist der Gipfel der Unverschämtheit würde ich sagen. Eine Artikelsammlung zum Jubiläumsjahr, ok, wenn’s sein muss. Langweilig zwar, aber das kennt man ja von dieser Zeitschrift, die mit einer wissenschaftlichen Publikation dann doch eher wenig zu tun hat. Aber wenn dieses Heft, dann doch wohl bitte und gefälligst als kostenloses Gimmick, zusätzlich zur regulär erscheinenden Ausgabe mit aktuellen Artikeln! Alles andere ist absolut inakzeptabel und sollte von den Leserinnen und Lesern auch mit nichts anderem als Protest und am Besten mit der sofortigen Kündigung des Abonnements goutiert werden. Schade drum isses nicht, wie oben erwähnt. Langweilige Inhalte warennicht Ausnahme sondern die Regel!

Naja, ich will jetzt nicht großartig Stimmung gegen die Geographische Rundschau machen. Meinen gerechtfertigten Unmut und den Grund meiner nun folgenden Kündigung will ich aber mitteilen und dies hier, um öffentlich von den doch ziemlich bedenklichen Publikationspraktiken der Westermann-Zeitschrift zu berichten. Nehmt es als Warnung! Wer möchste soll sich jedoch gerne selbst davon überzeugen, reinschauen und reinlesen. Für Geographielehrer mag das Heft was taugen, für wissenschaftliche arbeitend und denkende GeographInnen ist’s meiner Meinung nach ungeeignet. Noch nichtmal ein Einblick wird in aktuelle Forschungsbereiche des Faches geliefert.

Verfasst von: nullmeridian | 8 Mai, 2009

Zensurvorhaben der Bundesregierung stoppen!

Seit fünf Tagen läuft nun die Online-Petition auf der Seite des Deutschen Bundestages gegen die geplante Zenur von Internetseiten zum Eindämmung von Kinderpornographie. Mit sehr großem Erfolg! Schon heute morgen wurden die nötigen 50000 Unterzeichnungen erreicht, die nötig sind um eine Anhörung vor dem Petitions-Ausschuss zu erreichen.

Mittlerweile sollte sich Petition zwar bei vielen herumgesprochen haben. Getwittert wird fast pausenlos darüber und auch die größeren Nachrichtenportale wie Spiegel-Online und die Zeit haben das Thema bereits aufgegriffen. Die Blogosphäre, Heise bzw. Telepolis sowieso. Wieso muss also jetzt auch hier noch drüber geschrieben werden?

Nun, es muss nicht! Hab mir auch länger überlegt ob ich jetzt auch noch etwas dazu schriebe. Reicht es nicht die Petition vorgestern unterschrieben zu haben? Doch trotzdem mach ich’s jetzt, denn vielleicht sind auch auf diesem Wege noch ein paar Unterschriften zu bekommen. Außerdem lässt sich anhand der Anzahl, der zum Thema geposteten Blogeinträge noch zusätzlich die Wichtigkeit der Petition messen.

Hier geht es übrigens keineswegs darum, kinderpornographische Netzinhalte zu schützen oder zu verharmlosen. Die sollten selbstverständlich aufgespührt hart geahndet werden. Darüber gibt es keine Diskussion. Ich denke auch kaum eine Unterzeichnerin und kaum ein Unterzeichner der Petition hat so etwas im Sinn. Nur wird seit Monaten von sämtlichen Experten die Nützlichkeit der Internetzensur bezweifelt. Zum einen lassen sich einfach bei der Masse an Inhalten niemals sämtliche Seiten sperren, schneller als gesperrt wird kommen die gleichen Inhalte an anderer Stelle wieder ins Netz. Außerdem sind gesperrte Seiten mit einfachsten Tricks zu umgehen. Statt des Adressnamens einfach nur die Ziffernfolge einer URL eingegeben, schon ist man wieder auf der gesperrten Seite. Das zeigt auch das Unverständnis über die Verfasstheites des Internets, seitens der Gesetzgeber. Ein anderer wichtiger Punkt sind die Auswirkungen die eine solche Zensur für das Internet hätte. Das sind einmal technische und gesellschaftliche. Vor ein paar Wochen hörte ich einen interessanten Podcast des Deutschandradios zum Thema. Hier wurde ein IT-Experte (find das Interview grad nicht, aber hier könnt ihr für die nächsten Wochen noch mal hintergründiges zum Thema hören) befragt, der ebenfalls sagte eine Sperrung sei unsinnig, da sie niemals den gewünschten Erfolg haben würde und außerdem würden bereits einige hundert gesperrte Seiten aufgrund der Struktur des Internets zu erheblichen Geschwindigkeitsverlusten bei der Datenübertragung führen. Wie dies nun genau vonstatten geht weiß ich nicht, bin ja auch kein IT-Experte.

Das andere ist – nicht minder wichtig – ein erheblicher Eingriff in die Freiheit des Internets, welche auf keinen Fall akzeptiert werden darf. Schon hoffen allerhand andere Interessenten auf zukünftige Sperrungen unliebsamer Netzinhalte. Ob es dabei um Copyrightverletzungen der Musik- oder in Zukunft auch der Verlagsbranche geht, oder sonstigen ungern gesehenen Content. Das Tor einer umfassenden Zensierung des Internets wäre mit diesem Gesetz jedenfalls aufgestoßen. War nicht die Freiheit des Internet noch bis vor kurzem eines der demokratischen Ideale der westlichen Welt. Hört man nicht mehr den Aufschrei und die – sich jetzt als scheinheilig offenbarende – Diskussion um Googles freiwillige Zensur beim Antritt in China?

Deswegen um es endlich auf den Punkt zu bringen: Wer’s noch nicht getan hat, unterschreibt! Hier noch einmal der Link. Auf dem Blog MOGiS (hier auch eine nette Grafik um den Petitions-Fortschritt zu verfolgen) könnt ihr lesen wieso es wichtig ist noch mindest das dreifach an Unterschriften zu bekommen. Oder ist das Thema vielleicht nicht wichtiger als alberne Interessen der Autofahrlobby, die immer noch nicht verstanden hat, dass endlich eine neue Ära der Mobilität anbrechen muss.

Ehrlich gesagt ist es nicht so, dass ich großartig an den Erfolg solcher Online-Petitionen glaube. Unzählige Kritiker wurden in den letzten Monaten nicht gehört. Aber, und das ist das entscheidende: Die Medien und ein großer Teil der Bürger und Bürgerinnen werden auf diese Weise erneut auf das Thema aufmerksam gemacht. Vielleicht führt es doch dazu, wenn am Ende hunderttausende diese Petition unterschrieben haben, dass ein paar Gesetzgeber noch einmal über die bereits vielfach vorgetragenen Kritikpunkte nachdenken und sinnvollere Maßnahmen gegen Kinderpronographie im Internetin die Wege leiten als dieses Gesetz.

Verfasst von: nullmeridian | 9 Februar, 2009

Der neue Freitag

Die vielleicht einst beste Wochenzeitung des deutschsprachigen Printmediengetümmels wurde mit der letztwöchigen Ausgabe einer bereits angekündigten Komplettsanierung unterzogen. Angekündigt war das Ganze schon länger. Seitdem Jakob Augstein das leider sehr auflagenschwache Blatt im Mai übernommen hatte, stand dieser Schritt im Raum. Einhergehend mit der überarbeiteten Printausgabe ist auch die Webseite komplett neu aufgelegt worden. Erklärtes Ziel ist insbesondere die enge Zusammenarbeit mit der Leserschaft und der Internet-Community. Der Untertitel des Blattes wurde daher auch von „Ost-West Wochenzeitung“ in „Das Meinungsmedium“ umbenannt.

Lange war ich treuer Leser des Freitag. Zuletzt jedoch nichtmehr Abonnent sondern lediglich Online-Leser des epaper-Angebots, da schon seit ca. 2 Jahren ein Qualitätsverlust der Inhalte zu erkennen war. Zumindest nach meinem persönlichen Geschmack.  Der Freitag als komplettes pdf-epaper war einmalig in der deutschen Medienlandschaft. War? Ja, denn mit der Überarbeitung wurde auch dieses wunderbare Geschenk an die Leser über Bord geworfen. Schade, war doch gerade dies ein entscheidender Grund für mich den Freitag zu abonnieren.

In den Kommentaren zur Neuauflage überwiegen in der neuen Community bei weitem die kritischen und enttäuschten Stimmen gegenüber jenen die das neue Angebot als gelungen empfinden. Auch ich gehöre durchaus zu den Kritikern und habe damit ein eher pessimistisches Gefühl was die Zukunft der Zeitung angeht. Das muss ich ehrlicherweise zugeben. Ich hoffe allerdings das es anders läuft und der Freitag nicht bei dem stehenbleibt was jetzt ist, dass die Zeitung ein langfristiges finanzielles Auskommen findet und ihre journalistische Qualität wieder dorthin findet, wo sie vor einigen Jahren war. Damals leider von der Öffentlichkeit viel zu wenig erkannt, wie ich finde.

All dies kann aber nur geschehen, wenn der Freitag nicht einfach andere Printmedien in Layout und Inhalten kopiert und diesen nacheifert. Dafür ist kaum ausreichend Platz. Der erste neue Schritt war jedoch leider einer in diese Richtung des Mainstreams. Auch wenn von der Redaktion natürlich gegenteiliges behauptet wird. Der Online-Auftritt unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von zig anderen Portalen.

An all die Leser und Nichtleser dieses Blogs: Lest den neuen Freitag, lest ihn kritisch und kommentiert ihn in der Online-Community. Darauf, dass er nicht untergeht – es wäre tatsächlich ein großer Verlust! – und darauf, dass er seine alte Qualität wieder erreichen kann und überbietet! Hier gibt es das dreiwöchige, kostenlose Probeabo. Schließlich muss der Freitag zunächst einmal beweisen, dass er die Unterstützung auch verdient.

Alles Gute dem Freitag, auf ein Gelingen ohne den Verlust der eigenen Identität! Ein kleiner Tipp, der von vielen Lesern und Leserinnen sicherlich belohnt würde: Nehmt das epaper wieder ins Programm. Da ihr ohnehin auf das Internet als quasi gleichwertigem Verbeitungskanal setzt, werden ohnehin die meisten Artikel online erscheinen. Den Freitag auch als PDF-File zu haben war immer eine tolle Sache. Auch für Menschen, die sich ein regelmäßiges Abonnement vielleicht nicht leisten können. Wie wäre es beispielsweise, wenn der epaper-Freitag nicht, wie bisher, sofort mit der Printausgabe erscheint, sondern vielleicht erst am darauffolgenden Mittwoch. Also einen Tag vor dem Erscheinen der neuen Ausgabe.

Verfasst von: nullmeridian | 20 Oktober, 2008

Emissionshandel für alle?

Nachdem ich nun eine längere Zeit des andauernden Lernstress’ hinter mir habe und dafür auch durchaus erfreulich belohnt wurde, bin ich gerade dabei angesammelte Zeitungen, Zeitschriften und vielleicht auch mal wieder ein paar Bücher abseits geographischer Lehr- und Fachbücher zu lesen. Und nebenbei, mal sehn was darauf wird, vielleicht auch den einen oder anderen Beitrag hier posten.

Gerade hab ich mir die letztwöchige Zeit (Nummer 42, vom 9. Oktober) geschnappt. In der Rubrik „Wissen“ schreibt der Naturphilosoph und Wissenschaftstheoretiker Olaf L. Müller, wie er sich einen weltweiten CO2-Emissionshandel vorstellen könnte. Im Blick hat er dabei ein System des Zertifikatehandels für jede Einzelperson.

Am Ende kommt er auf die Frage nach der Bürokratie zu sprechen. Nein, sagt er, das Auszahlungssystem würde keinen monströsen Verwaltungsapparat schaffen. Nur ein Fingerabdruck und mal würde seinen gerechten Anteil erhalten. Für’s Bezahlen mag das möglich sein und auch zu Zahlende zur Kasse bitten, da steckt wohl nicht das Problem. Nicht erwähnt bleibt jedoch: Auf welche Weise stellt Müller sich die genaue Erfassung der CO2-Bilanz eines jeden Menschen vor. Wenn da nicht eine riesengroße Bürokratie- und Rechenkrake auf die Menschheit warten soll, wie soll das Ganze funktionieren? Zur genauen Erfassung der individuellen Kosten oder Ansprüche müsste schließlich jede einzelne (Konsum-)handlung eines Menschen kontrolliert und erfasst werden. Das wäre dann der letzte Schritt zum vollständig durchleuchteten Individuum. Jeder Einkauf, jede Reise, alles müsste erfasst und in der persönliche Bilanz verrechnet werden. In Industriestaaten rein theoretisch vielleicht noch ansatzweise möglich, jedoch in eher unwegsamen – ob politisch oder topographisch – Erdregionen, dort wo doch vorwiegend diejenigen leben denen gerechterweise Ansprüche aus diesem Ausgleichhandel zukommen sollten, wird sowas gänzlich unmöglich.  Ob der Theoretiker Müller daran wirklich nicht gedacht hat, oder ob ihm hier dann doch nur die statistische Bewertung individueller Emissionen vorschwebt, würde mich schon interessieren.

Verfasst von: nullmeridian | 9 April, 2008

Umweltprogramme im Novo-Diskurs

Ich hatte kürzlich ja schon mal über die Zeitschrift Novo, die sich seit der aktuellen Ausgabe in neuem Layout, novoargumente nennt, berichtet. Dabei habe ich einerseits meinen Lob zur konsequent kritisch fragenden Grundhaltung, aber was manche Argumentation in Klimabelangen angeht, auch zweifelhafte Haltung angesprochen. Jetzt kam ich mal wieder dazu ein wenig zu schmöckern, und auch hier ändert sich nix. Einerseits Lob, andererseits kann ich manchmal nur den Kopf schütteln.
Berichten will ich hier über zwei Artikel der Ausgabe 93. Einmal von Heinz Horeis, „Small is was beautiful“ – Öko wird Großtechnik, der mir echte Denkanstöße liefern konnte. Dann von Martin Earnshaw, Recycling: Abfallvermeidung oder Zeitverschwendung? in dem die Überschrift und ein paar Sätze wirklich etwas taugen, der Rest sich aber leider in dümmlichen Argumentationen verliert. Aber ich will nicht vorgreifen, immer der Reihe nach.

Heinz Horeis schreibt über den Trugschluss, demnach erneuerbare Energiewirtschaft mit einer Dezentralisierung und damit dem Abschied von monopolistischen Energiekonzernen verbunden sei. Dabei stößt er vieles an, was durchaus zu denken gibt. Ich gebe zu, auch ich war – und bin es zum Teil noch immer – von der Idee erfasst, ein Wechsel der Energieformen, könne auch manch monopolistische Struktur ein wenig lockern. Aber Horeis’ Argumente stimmen wohl, geplante Großanlagen zur Erzeugung „grüner Energie“ haben mit Dezentralisierung nicht viel zu tun. Und sicher, es sind massive Investitionen nötig, die von altbekannten Akteuren geleistet werden können, ob es jetzt Ölkonzerne oder die großen Stromerzeuger sind. Man will den Rang nicht räumen, und auch wenn denen der Wandel vielleicht nicht so richtig schmeckt: lieber rechtzeitig ein Plätzchen sichern, als hinterher daneben stehn!
Neben den Stromanlagen spricht Horeis noch auf Biotreibstoffe an: Wo hier „Bio“ draufsteht, war noch niemals „Bio“ drin. Wie Recht er hat, doch das ist wahrlich kein Geheimnis! So ist das ganze Gemache mit dem Biodiesel/Biosprit schon lange nichts als politische Propaganda, Umweltaktive bemängeln schon längst: völlig ineffizient und selbst mit erheblichen Umweltproblemen behaftet. Riesige Monokulturen, Abholzung, keine Spur von geschlossenen CO2-Kreisläufen und die de facto Beibehaltung einer auf Erdöl basierenden Wirtschaft. Nur um ein paar der Beispiele zu nennen, die schon lange für Kritik sorgen! Hier klaut also Horeis ein paar Argumente von jenen, gegen deren Blauäugigkeit er doch eigentlich anschreiben will.

Der Autor kommt so insgesamt zu folgendem Schluss: Das ganze Programm sei ineffizient, zu teuer und sowieso: ein Riesenapparat würde dabei entstehen, der viel zu anfällig werde. Europa müsse aus allen peripheren Ecken Energie importieren, wodurch ein riesengroßes Supernetz entstehen würde. Windenergie aus Russland, Sonnenstrom aus der Sahara, Wasser treibt Turbinen in Skandinavien an und Erdwärme aus Islands warmen Böden. Das ganze mit riesigen Energiespeichern und allem drum und dran. Der reinste Wahnsinn! Da bleiben wir doch lieber schön unserer Kernkraft treu. Die ist nicht dreckig, nur sehr gefährlich, dafür altbewährt und spart zudem kostbaren Platz.

Hm….da kommen jetzt wieder die Argumente des Fortschritts ins Spiel. Doch eigentlich das, was sich die Novo aufs Jäckchen schreibt! Ich denke, Horeis hat schon Recht: So einfach dezentralisiert sich das Energiewirtschaften nicht. Andererseits stecken die erneuerbaren Energiegewinnungstechniken noch ziemlich in den Kinderschuhen. Ganz anders als Kernenergie und Petroindustrie! Das heißt, hier sind noch jede Menge Innovationen zu machen, leistungssteigernde Verbesserungen, die auch der Heimstromerzeugung in Zukunft durchaus noch bessere Noten bescheren können. Ich meine zwar auch, in der radikalen Abwehr gegen die Kernkraft steckt auch viel ängstliche Abwehremotion und nicht nur rationale Überlegung, jedoch, das zeigen die Erfahrungen der Geschichte, wohl sicher nicht völlig zu Unrecht. Es gibt durchaus sinnvolleres und dringlicheres im Umweltschutz als den sofortigen Atomausstieg. Beispielsweise radikale Veränderungen im Transportwesen. Weg mit den Kraftfahrzeugen und rein in die Züge. Vorraussetzung: Die Preise radikal senken und der Ausbau sämtlicher Verbindungen. Ja doch, wenn alle Bahn fahren, rechnet sich das auch bei massiv gesenkten Preisen!
Insgesamt bleibt zu sagen, trotz einiger Kritik: Ein guter Artikel, da er zu denken gibt. Weil er mich zwingt einige Vorstellungen, die vielleicht zum Teil Illusionen sind, zu überdenken. Die novoargumente selbst jedoch, so frage ich mich manchmal, werden vielleicht dem selbst gestellten Anspruch der Fortschrittlichkeit allenfalls bedingt gerecht.

Und nun zum zweiten: Martin Earnshaws, Recycling: Abfallvermeidung oder Zeitverschwendung?

Der Anlass zum Schreiben des Textes, war für den britischen Autor Earnshaw, ein nun im Vereinten Königreich eingeführtes Mülltrennungssystem, ähnlich, wie wir es hierzulande mit unserem Dualen System schon seit Jahren kennen. Ich bin schon lange kein Freund mehr dieses Programms. Wieso noch immer daran festgehalten wird ist mir ein schieres Rätsel! Vor langem schon sah ich über besagtes Duale System eine echt gute Reportage, ich glaub es war im Ersten. Nicht nur, dass das Programm die reinste Geldmacherei mit schon fast mafiösen, mindestens jedoch zutiefst „Klüngeligen“ Methoden ist, es ist auch tatsächlich einfach überflüssig und bringt nichts als ein trügerisch gutes Gewissen. Natürlich läuft Trennung in den Haushalten nicht perfekt, so muss sowohl der „gelbe Sack“ als auch der Restmüll später noch einmal maschinell und/oder von Hand sortiert werden. Komplett doppelt gemoppelt also, sonst nix! Teuer, sinnlos und ineffizient, das ist die schlichte Wahrheit des dualen Schwachsinns! Daneben wird den Menschen auch noch vorgegaukelt sie würden sich umweltschonend verhalten wenn sie nur fleißig trennen. Müll sei ja gar nicht mehr so schlimm, schließlich werde alles schön recycelt.

Jetzt fängt es aber auch schon an. Martin Earnshaw steigert sich zur Abwehr dieser Trennerei von einem lächerlichen Argument ins nächste, anscheinend darum kämpfend, sich an Dummheit noch mal zu überbieten! Erstmal übertreibt er maßlos, indem er mehrmals betont was für eine Zumutung es doch für die Bürger sei, stinkende, von Maden und Ratten bevölkerte Biotonnen in Straßen und Höfen stehen zu haben. Stimmt schon, es kommt im Sommer, wenn’s dann mal ein paar Wochen wirklich brutzelt, dann und wann mal vor, dass die Dinger etwas müffeln. Was Earnshaw daraus bastelt ist allerdings doch reichlich peinlich. Der Nutzen der Kompostierung darf bezweifelt werden, Methan das dabei entsteht als Biogas zu verwenden, sei wegen seiner wenig überzeugenden Bilanz zweifelhaft? So Earnshaws Kritik. Was allerdings eine schlechte Bilanz hier sein soll, bei Gasen die aus Müll gemacht werden, oder besser gesagt, bei der Zersetzung auf jeden Fall und ganz von allein entstehen, nur auf andere Weise eben als Treibhausgas mit 20facher CO2-Wirkung in die Atmosphäre gingen, ist schon etwas fraglich. Dann heißt’s, es gehe bei der „zero waste“-Kampagne eigentlich gar nicht nur um die Trennung, sondern um eine Erziehung zum veränderten Umgang mit dem Konsum. Aha! Dies die Kritik. Ja, wenn es denn nur so wäre! Ist dies nicht das entscheidende und tatsächlich wichtige Ziel jeder Maßnahme zum Umwelt- oder Klimaschutz? Eine Veränderung des Konsumverhaltens. Jo, genau das ist notwendig für effektiven Umweltschutz! Für Earnshaw ist dieses angebliche Anliegen des britischen Umweltministeriums jedoch Anlass zur Kritik. Übrigens, darf durchaus bezweifelt werden, dass den britischen Ministerien, wie auch den anderen in kapitalistischen Ökonomien, ernsthaft an einer Änderung des Konsumverhaltens gelegen ist. Schließlich beruht genau darauf das westliche Wirtschaftssystem! Heißt die politische Message nicht immer wieder (hierzulande auf jeden Fall!): Klimaschutz ist auch mit den uns gewohnten Lebensstandards zu haben. Was doch dann unser Konsumverhalten allenfalls mit einschließt!
Am Ende versucht Earnshaw sich selbst nochmal zu übertreffen. Auf die Kritik hin, dass Massen von Müll nach China transportiert werden, um dort recycelt, deponiert, verbrannt oder was auch immer zu werden, schreibt er: dies sei nicht „nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Großteil der im Abfall landenden Produkte ohnehin in China produziert wird.“ Da fällt mir nichts mehr ein, ganz ehrlich. Das ist doch einfach nur der Gipfel aller Dummheit! Weil das Zeug als nutzbares Produkt schon dreimal um die Welt geschippert wurde, wieso dann nicht auch jetzt als Müll, noch einmal auf den Frachter, tausende Liter Diesel, und ab, zurück nach China, in die Heimat! Denn man stelle sich nur einmal vor: Das wurde alles mit chinesischen Rohstoffen gebaut (stimmt zwar überhaupt nicht, aber in Earshaws Logik mag das vielleicht so klingen!), würde es nun in Europa verwertet, dann wären damit all der Stickstoff und andere wertvolle Bausteine in die der Müll letztendlich zerfällt, dem Boden von China für immer entzogen. Das wäre dann auch noch das einzigste Argument, welches den eben zitierten Satz nicht vollends der Lächerlichkeit preisgeben würde. Jedoch darf dies, bei den Ausmaßen des weltweiten Gütertransfers in alle Richtungen, getrost vergessen werden, wenn damit solch idiotische Rechtfertigungen untermauert werden. Vor allem wenn Earshaw im nächsten Satz direkt auf die fragwürdigen Recycling-Methoden in China anspricht!

Nun er bringt es aber immerhin auf den Punkt: „Das Grundproblem mit dem Streben nach ökologischer Nachhaltigkeit ist, dass es mit dem Ideal ökonomischer Effizienz schlichtweg nicht vereinbar ist.“ Damit wissen wir wo Earshaw steht und kennen somit auch den wahren Grund seines doch etwas lachhaften Händeringens.

Hier gibt es Earnshaws Artikel übrigens auf Englisch. Ob der Text in Novo eine 1zu1 Übersetzung ist, habe ich jetzt aus Faulheit allerdings nicht geprüft. Solchen Quatsch muss ich dann doch nicht nochmal lesen!

Verfasst von: nullmeridian | 6 April, 2008

Kapitalismuskritik in der ZEIT

Im Feuilleton Ausgabe 14 der Wochenzeitung Die Zeit, vom 27. 03. hat Thomas Assheuer eine sehr gute und für ein großes deutsches Leitmedium doch eher ungewöhnlich „radikale“ Kritik am Kapitalismus geschrieben. Es kommt vieles zur Sprache, was sonst nur in der sogenannten linken Presse zu lesen ist. Es tut gut und ist wichtig, diese nur allzu berechtigte Kritik endlich einmal in einem Medium finden, in dem sich nicht nur, die ohnehin schon längst kapitalismuskritischen Menschen dieser Gesellschaft austauschen, sondern das vom gesamten Bildungsbürgertum (auch hier wieder das sogenannte!) konsumiert wird. Ob’s was bringt ist eine andere Frage, anzunehmen ist es leider nicht! Zu starr sind die ideologischen Blockaden der meisten, zu engstirnig das Denken der „Eliten“ in diesem und anderen Ländern.

Was mich enttäuscht: Auch Assheuer macht, bei all der Kritik, am Ende des Artikels doch wieder den Schwenk, zurück in die westlich kapitalistische Ideologie und präsentiert damit einen alten Mythos. Zwar nicht, wie andernorts so oft, als naturgegebenes Gesetz, aber doch immerhin als „historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit und Gerechtigkeit“. Es geht um das Zusammengehören von Demokratie und Kapitalismus. Was dabei dann bei Leserin und Leser hängenbleibt, und das durchaus bewusst, ist folgendes: Kapitalismus ist die Wirtschaftsform der Demokratie. Und da wir doch alle demokratische Menschen sind, an individuelle Freiheit und Rechte glauben, bleibt uns auch keine Alternative zur kapitalistischen Ökonomie.

Das die Wirklichkeit eine andere ist, würde schon ein Blick nach Fernost zeigen: China beweist sehr gut, dass Kapitalismus durchaus auch ohne bürgerliche Demokratie zu haben ist. Und wie wäre es dann andersherum? Demokratie ja, Kapitalismus nein. Sicher, richtg ist schon, Kapitalismus beruht auf freiem Markt und die Demokratie auf der Freiheit der Menschen, aber das macht den zwingenden Zusammenhang doch noch lange nicht zum Naturgesetz! Man sieht schließlich deutlich genug, dass ein Übermaß an freiem Markt die menschliche Freiheit mitunter auch ganz schön beengen kann.

Also wäre es nicht an der Zeit, einmal danach zu fragen, ob vielleicht Demokratie auch mit anderer Ökonomie vielleicht sogar einer wesentlich besseren, heißt demokratischeren, Form zu erreichen wäre. Immerhin gehen einige postmarxistische, linke Überlegungen in verschiedene basisdemokratische und ähnliche Richtungen. Aber das sind eben schon wieder nicht die Dinge, die in einem deutschen Leitmedium diskutiert werden und daher vielleicht leider nur unzureichend im öffentlichen Denken bekannt sind.

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