nullmeridian aka nunatak

Hin und wieder schreibe ich hier was.

Kategorie: Kultur

Thema Flattr. Abgedroschen? Ich finde nicht.

Das Thema Flattr (Wikipedia) ist eigentlich schon uralt und damit für viele vielleicht auch längst nicht mehr interessant. Ich finde trotzdem, dass es noch einige Diskussionen, Blog- und hoffentlich auch andere Medienbeiträge wert ist. Denn Flattr hat noch lange nicht die Bekanntheit und Verbreitung die es haben sollte.

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit geistert ein Blogpost über #Flattr immer wieder in meinem Hirn herum. Schreibfauler Blogger der ich nun einmal bin, wurde daraus dann doch nie mehr als mal ein Tweet oder ein Nebensatz hier und da. Wieder ins Bewusstsein kam er, als mir unlängst auffiel, dass die Wochenzeitung Freitag (@derFreitag) endlich (wieder) Flattr als Bezahlmöglichkeit anbietet. Damit ist er neben der TAZ und Jungle World eine der seltenen Ausnahmen in der deutschen Zeitungslandschaft. Alle drei „linke“ Zeitungen und das sicherlich nicht aus Zufall, wozu ich gleich noch kommen werde. Jedenfalls merkte ich plötzlich, dass ich wieder viel lieber beim Freitag vorbeischaute, um interessante, lesens- und damit flattrwerte Artikel zu konsumieren und diese dann auch zu honorieren. Das ist doch etwas krotest, ich schaue bewusst verstärkt dort vorbei um gute Artikel zu finden, die einen Flattr-Click wert sind!?
Ich erkläre mir das so: es ist eben gar nicht so, dass wir (bzw. hier erstmal ich) alles am liebsten umsonst haben wollen und Schmerzen erleiden sobald irgendwo die Zahlungsaufforderung erscheint. Das kann man jetzt bestimmt sozialpsychologisch auf meinen Egoismus runterbrechen: Ich fühle mich dabei gut, ähnlich wie es beim Spenden der Fall ist. Sei es drum, gut so! Bezahlen eben muss einfach mehr wie spenden werden, dann fällt es uns allen viel leichter.
Flattr, das ist ein von Peter Sunde und Linus Olsson 2010 in Schweden gegründeter Micropayment-Dienst. Dabei setzt jede Nutzer*in einen beliebigen monatlichen Betrag, der dann unter den geflattrten Beiträgen des entsprechenden Monats aufgeteilt wird. Fast seit Beginn habe ich einen Account, den ich seither mal mehr, mal weniger zur Bezahlung guter Netzinhalte nutze. Anfangs gab es auch einiges an Kritik: Die von den Betreibern des Dienstes erhobene Gebühr sei zu hoch, man wolle mit dem Dienst vor allem Profit machen. Klar will man, aber das ist ok! Dies führte vor allem in Open-Source-Kreisen teils zu heftigen Diskussionen darüber ob Flattr zu akzeptieren sei um Open-Source-Blogs etc. zu „finanzieren“ (wovon bislang bei den paar Klicks bestimmt kaum irgendwo die Rede sein kann). Ich kann mich noch erinnern, wie Chris, der das sehr gute Blog Linuxundich betreibt seinen Rückzug vom ubuntuusers.de-Planeten und dem Forum bekannt gab. Mein Argument bei einer Diskussion damals im Forum von ubuntuusers.de war, dass die Gebühren zwar auch mir noch relativ hoch erscheinen, es sich jedoch bei Flattr um einen innovativen und einfach nutzbaren, quasi barrierefreien Dienst handelt, der freiwilliges Bezahlen im Netz plattformüberschreitend denkbar einfach macht. Und dass die Gebühren bei steigender Nutzerzahl sicherlich auch sinken können, da die Umkosten der Betreiber damit anders skalierbar seien. Flattr ist ein Dienst der einfach mal gezeigt hat, wie Bezahlen auch funktionieren kann und das ist erstmal eine richtig, richtig gute Leistung!
Das tut er noch immer. Allerdings in der Nische. Flattr ist zwar in netzaffinen und Blogger*innenkreisen seitdem weit verbreitet und gut bekannt. Über ein Nischendasein kam er aber nie richtig hinaus. Und so wird das monatliche Budget flattraffiner Netzmonaden innerhalb einer überschaubaren Community hin und her geschoben. Ganz so ist es nicht, aber ähnlich.

In der ganzen Debatte um Bezahlmöglichkeiten von Netzinhalten, Zeitungen wollen ihren Content auch im Netz irgendwie gewinnbringend ans Volk bringen, werden vor allem von den größeren Zeitungsverlagen verschiedene Modelle des Abonnement oder von Paywalls (den Begriff mögen sie  nicht, ist aber treffend) diskutiert, Flattr bleibt dabei weitgehend außen vor. Warum, das fragte ich schon von Anfang an? Und habe genau diese Frage bzw. die Aufforderung endlich einmal auch Flattr in diese Überlegungen einzubeziehen, immer wieder über Twitter an geeigneter Stelle fallen gelassen. Natürlich wurde niemals darauf reagiert, wahrscheinlich noch nicht mal im jeweiligen Unternehmen an die richtige Stelle weiter kommuniziert (außer vielleicht beim Freitag, wer weiß). Mein Argument von Anfang an: Ja, Flattr ist nach wie vor Nischenprodukt und bringt euch wahrscheinlich erstmal nur Peanuts. Aber, wenn Zeitungen ihre Reichweite und die damit verbundene Macht nutzen und den Dienst als Bezahlmöglichkeit aktiv forcieren und dessen Nutzung bewerben, würde aus der Nische vielleicht bald mehr.
Die Gründe für Zeitungsanbieter dies alles nicht zu tun sind einigermaßen offensichtlich: Man setzt bei Flattr einen monatlichen Betrag fest. Setzte ich zehn Euro und flattre zehn Artikel (oder irgendeinen anderen flattrbaren Content), entfällt auf jeden ein Euro. Flattre ich dagegen 100 sind es nur 10 Cent pro Klick. Die Einnahmen steigen also nicht automatisch mit höherer Nutzung von Netzinhalten und das finden kommerzielle, marktwirtschaftlich denkende Anbieter erstmal schlecht. Außerdem müssten sie ja dann untereinander aufteilen, wo sie doch eigentlich Marktkonkurrenten sind. Am Ende sogar mit den mehr oder weniger ungeliebten Blogger*innen teilen, die ihnen ohnehin schon seit Jahren die Butter vom Brot nehmen.
Ich hatte auch schonmal irgendwann geschrieben (getwittert oder in einer Forendiskusssion, ich weiß nicht mehr genau an welcher Stelle das war), dass, falls Flattr als Dienst nicht gefallen würde, man auch einen ähnlichen, neuen ins Leben rufen könne. Das gleiche habe ich übrigens den Open-Source-Skeptikern damals vorgeschlagen. Natürlich wäre ein Dienst nutzlos, der nur eine einzelne Zeitung, oder das Portfolio eines einzelnen Verlages oder einer Verlagsgruppe beinhalten würde, das würde der Nützlichkeit und Flexibilität viel zu viel abbrechen. Also müsste man sich schon irgendwie wenigstens branchenweit zusammenraufen und mit denen kommunizieren, die man ansonsten meistens als Konkurrenten betrachtet.

Auf der anderen Seite sehe ich Flattr als Nutzer. Und ja, auch ein wenig ideologisch um dieses böses Wort zu benutzen, bei dem jetzt vielleicht einige aufhören zu lesen, sich abwenden und denken: Pfui, Ideologie, das wollen wir nicht! Ihrer, ganz sicher vorhandenen eigenen Ideologie sind sie sich dabei dann nicht bewusst. Und wenn man im Zeitgeist strömt, dann strömt man eben mit der Mehrheitsideologie, mit dem derzeitigen Paradigma, der marktwirtschftlichen Ökonomie! Jedenfalls ist auch das, ist jedes Meinungsgebäude irgendwo auch mehr oder weniger Produkt einer Ideologie. Also wieso nicht benennen?
Wieso also ist Flattr ein toller Dienst, weshalb ist die Form der Bezahlung zu begrüßen und zu unterstützen, während ich Paywalls so ziemlich grundsätzlich ablehne und boykottiere? Ich mag es wenn Nutzer entscheiden können was es wirklich wert ist bezahlt zu werden. Kaufe ich mir eine Tageszeitung, blättere ich 20 Minuten darin herum, stelle meist fest, keiner der Artikel ist wirklich interessant und lesenswert, keine der Nachrichten neu oder für mich wichtig. Weg damit, Geld verschwendet! Das Gefühl stellt sich übrigens nicht nur bei regionalen Blättern ein, auch wenn ich die „renommierte“ Wochenzeitungen Die Zeit oder FAS kaufe ist es oft ganz ähnlich. Derzeit nutze ich probehalber ein kostenfreies Digital-Abo der FAS. Die App ist Schrott, das Produkt meist nur in Bruchteilen lesenswert. Wäre sie es wert, würde ich sie auch weiterhin beziehen und gerne dafür bezahlen. Jahrelang hatte ich Die Zeit, den Freitag, GEO und immer wieder verschiedene andere Zeitschriften und Zeitungen im Abo. Letztendlich muss ich sagen, sie sind ihr Geld nicht wert! Klar, das ist eine Aussagen, die ich jetzt treffe, angesichts der Alternativen und Vielfalt die sich im Internet bietet. Aber das ist nunmal die Situation an der sich auch kommerzielle Anbieter heute orientieren müssen.
Medien, Nachrichten, Bildung, dass sind Güter die meiner Meinung nach (und das ist das ideologische dabei) barrierefrei, ohne Schranken für jeden Menschen frei verfügbar sein sollten. Jeder soll unabhängig von wirtschaftlicher Kapazität am kulturellen, politischen Leben teilhaben können. Zeitungsartikel soll jede und jeder lesen können. Hinterher kann man entscheiden ob das Gelesene einen Betrag wert ist oder eben nicht. Flattr macht das ganz einfach. Zeitweise vielleicht etwas knapper bei Kasse, kann man sein Budget etwas runterschrauben und vielleicht nur fünf Euro pro Monat für digitale Medienformate reservieren. Hat man es wieder etwas dicker wird das Budget eben auf 20 Euro erhöht. Ich glaube daran, dass das Modell funktionieren kann, weil ich daran glaube, dass die meisten Menschen den Wert guter Inhalte durchaus anerkennen und bereit sind für guten Dienste auch etwas zu geben. Andere, die grundsätzlich nicht bezahlen wollen, bezahlen auch heute, im Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit, für entsprechende Immaterialgüter ohnehin nichts!
Und was die Verteilung angeht. Die Befürchtung, die Zeitungsverleger vielleicht abhält Flattr als Bezahlform überhaupt in Erwägung zu ziehen: Ich meine schon, dass, wenn man es den „Kunden“ erklärt,  es nicht dauerhaft bei den jetzt vielleicht 10 Euro Flattrbudget bleibt, die man heute vielleicht auf einige Blogposts und Podcasts verteilt. Würde man sich darauf einigen, du kannst diese und jene Medien schrankenfrei konsumieren, doch bitte, honoriere am Ende auch was dir gefällt. Ich bin überzeugt, dann würden sehr viele, nach und nach, ihr monatliches Flattrbudget auf 20, 30 vielleicht auch 50 Euro erhöhen. Je nachdem was alles drin ist im Paket. Und andere die einfach nicht die wirtschaftlichen Mittel haben, ob zeitweise oder dauerhaft, wären trotzdem nicht von der Teilhabe ausgeschlossen.
Für mich ein Modell mit Zukunft. Einer Zukunft die sich lohnt. Schrittweise weg von  Marktwirtschaft und Kapitalismus, zumindest in einigen Bereichen. Bei immateriellen Gütern ist das mit der Digitalisierung möglich geworden, bei anderen muss weiter theoretisiert, erprobt und diskutiert werden. Wollen Zeitungsverleger innovativ sein, ist das eine gangbare Richtung. Die derzeit dominierenden Überlegungen sind dagegen reaktionärer (im Wortsinn!) Protektionismus und technologische Rückschritte.

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Dank der Onlineauftritte rechtfertigen sich Gebühren erst!

In einem interessanten Artikel (Es geht erstaunlich gut) der insgesamt lesenswerten Serie Wozu noch Journalismus der Süddeutschen Zeitung schreibt Wolfgang Blau über den Online-Auftritt öffentlich-rechtlicher Nachrichtenportale folgendes:

„Der Skandal öffentlich-rechtlicher Nachrichtensites ist nicht ihre Existenz, sondern ihre unnötige und verwirrende Vielzahl. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb die ARD ihre föderale Struktur im Netz noch einmal nachbauen muss und weshalb Deutschland eine solche unüberschaubare Vielfalt überregionaler, gebührenfinanzierter Nachrichtenportale braucht. Vielleicht wären die Verlage besser beraten, für eine Beschränkung der Öffentlich-Rechtlichen auf nur zwei, sehr leistungsfähige Nachrichtensites zu kämpfen – tagesschau.de und heute.de – und gleichzeitig Dienstleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender für ihre eigenen Websites einzufordern.“

Dieser Auffassung möchte ich, natürlich aus eher subjektiver Sicht, etwas entgegenhalten. Jahrelang habe ich mich als GEZ-Zahler völlig ungerechtfertigt zum zahlen genötigt gefühlt. Natürlich war ich im Besitz eines Radioempfängers und ein Fernseher stand in unserer Wohnung auch irgendwo herum, wenn es auch nicht meiner war. Die Zeit, die ich diese Medien nutzte war aber keineswegs ausreichend um die Höhe der GEZ-Gebühren auch nur ansatzweise zu rechtfertigen. Erst mit den Online-Angeboten, vor allem auch denen der föderalen  Struktur des ARD und der Dritten Programme kam es dazu, dass ich meine Radiogebühren als sinnvolle Investition betrachte und gerne die paar Euros im Monat überweise.

Kein privatwirtschaftliches Nachrichten- oder Radioportal hat es bisher geschafft ein annähernd ähnlich gutes Angebot an Audio- und Videopodcasts, wobei mich persönlich dabei im wesentlichen die Audiobeiträge interessieren, zur Verfügung zu stellen. Darin sehe ich die eigentlich Zukunft und Aufgabe öffentlich-rechtlicher Radiostationen: politische, gesellschaftlich-kulturelle, ökonomische und wissenschaftliche Bildung und Information im zeitsouveränen Angebot in ausreichender Breite zur Verfügung zu stellen! Hierfür bieten öffentlich-rechtliche Anbieter noch immer die mit Abstand besten Bedingungen, da nur so hochwertige Beiträge für geringe Nutzungskosten einer Gesamtbevölkerung unabhängig von deren jeweiliger finanziellen Verfassung, zur Verfügung gestellt werden können. Dass bisher kaum privatwirtschaftliche Anbieter in diesen Markt vordringen mag auch daran liegen, dass Podcasting insgesamt leider noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erfährt und damit die Nutzerzahlen nur recht langsam wachsen. Ein anderer wichtiger Grund ist jedoch auch, dass solche Angebote bei gleicher Qualität wahrscheinlich viel zu teuer wären, um jederfrau und jedermann uneingeschränkt verfügbar zu sein.

Ob gebühren-finanzierte Radio- und Fernsehstationen neben den audiovisuellen Angeboten auch noch ausführliche online-Printplattformen bedienen müssen, und dadurch als zusätzliche Konkurrenz am schwierigen Onlinemarkt mitmischen, ist sicherlich eine andere Frage auf die andere Antworten gesucht werden müssen. Was das angeht, folge ich Wolfgang Blau durchaus wieder dem, was er im darauf folgenden schreibt: Die Frage danach, warum öffentlich-rechtliche Anbieter ihre Angebote nicht zur kostenlosen Weiterverwendung den Privaten zur Verfügung stellen. Zu diesem Aspekt wurde bereits auf KOOPTECH gebloggt.

Da ich jedoch überzeugt davon bin, dass sowohl Ton- als auch Bewegtbild-Beiträge in Zukunft immer mehr zeitlich und geographisch souverän und nicht wie früher nach festen Terminen und auf bestimmte Regionen beschränkt abgefragt werden, bieten die öffentlich-rechtlichen Anbieter bisher, abgesehen von einigen CreativeCommons- bzw. Nonprofit-Angeboten, die einzig vernünftigen und qualitativ hochwertigen Programme.