nullmeridian aka nunatak

Hin und wieder schreibe ich hier was.

Kategorie: Ökonomie

Wer ohne Visionen ist, sollte zum Arzt gehen!

Vorhin beim Hören eines Vortrags-Podcast und der anschließenden Diskussion zum Thema Freiheit ging es auch um das Thema Utopie einer besseren, einer kommenden Gesellschaft. Wie realistisch ist es darauf zu hoffen, darüber nachzudenken und dafür aktiv zu sein. Dabei kam ich dann doch zu dem Entschluss nun endlich mal den Blogbeitrag zu verfassen der mir schon eine ganze Weile im Magen herumliegt.

Wie ist das eigentlich mit dem Utopischen, mit dem Nachdenken über eine kommende Gesellschaft, das ein bisschen weiter geht als das was sich viele vorstellen können oder wollen weil sie dann doch in den Ideologien der derzeitigen Paradigmen festsitzen.

Einige konkrete Themen die derzeit im Netz und mittlerweile auch außerhalb – dort leider mit geringem Verständnis oder zumindest mit vielen Falschbehauptungen über die angeblichen „Netzpositionen“ – diskutiert werden betreffen genau das: den Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft. Zum Beispiel das Thema Urheberrecht. In den letzten Tagen wieder ganz weit oben was Twitter und Blogbeiträge angeht. Wieder mal wurde eine Unterschriftenliste präsentiert, diesmal von Schriftstellern (zumindest überwiegend, soweit ich das gesehen habe) der Offline-Generation. Wir sind die Urheber (ihr also nicht!) hieß es. Und wir wollen daher auch sagen wo es lang geht mit dem Urheberrecht, war der offensichtlich Impetus der Aktion. Prompt kam die Antwort (oder auch hier), nämlich von vielen im Netz publizierenden, nicht minder relevanten Urhebern, die in der Zeit-Aktion einfach ignoriert wurden.

Michael Seemann (@mspro) forderte kürzlich auf Spiegel Online etwas provokant „Schafft das Urheberrecht ab!“. Was steckt da drin? Michael Seemann wird wohl wissen, dass das nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen geschehen wird. Es ging auch eher um eine wenn-dann Positionierung: Wenn es um die Frage des freien Internets geht, was ist wichtiger? Da muss man dann wohl wirklich sagen, der Erhalt eines freien Netzes ist systemrelevanter als ein überkommenes Urheberrecht und sein durch Restriktionen erkämpfter Erhalt.

Im Grunde geht es dabei auch um anderes. Um langfristige Perspektiven einer Gesellschaft, die vielleicht irgendwann gar kein Urheberrecht mehr braucht. Und vielleicht sogar erkennt, dass es die kulturelle Vielfalt nicht zerstört sondern sogar bereichern und beschleunigen kann.

Vorerst wird man das Urheberrecht ohnehin nicht abschaffen. Demokratie (zumal die parlamentarische) läuft sehr langsam und nicht revolutionär. Viele wollen bewahren, fürchten um ihre Goldgruben. Aufregung ist daher nicht geboten. Diese Energie sollte lieber in neue Konzepte gesteckt werden. Ansätze sind da. Kulturwertmark, Flattr, neue Bezahlsysteme, die nicht nach der Logik: Dies ist mein Preis, zahl oder geh! funktionieren, wurden bereits geschaffen. Und von vielen wieder für tot erklärt! Sogar von Netzmenschen. Journalist Wolfgang Michal, der auch bei Carta.info publiziert hat es z.B. in irgendeinem zurückliegenden DRadio Wissen OnlineTalk (oder war’s doch woanders, find den richtigen Beitrag grad nicht? DRadio Wissen, ein längerer Diskussionstalk, soviel ist sicher!) gesagt. @Frau_Elise kam auch mit den Tweets: Flattr ist Utopie, das nutzt kaum einer. und Das ist leider völlig naiv und weltfremd. ums Eck. Nun, ist es natürlich nicht. Weder das Eine, noch das Andere. Das Letzte, weltfremd? Nun ja, vielleicht. Vielleicht aber nur dann, wenn die Bremser und tief unten im Ideologiepelz sitzenden Menschen sich immer weiter durchsetzen können. Gut möglich, dass Flattr und ähnlich geartete Systeme sich nicht durchsetzen, keinen Erfolg haben werden und am Ende doch nichts anderes als Utopie bleiben. Das liegt dann aber nicht an den Diensten und Konzepten die schlecht oder ungeeignet zur Lösung der Urheberrechtsfragen und dem Fortschreiten der menschlichen Gesellschaft wären. Es liegt vielmehr zum einen an einer starken Lobby die den wirtschaftlichen Status quo erhalten will, weil das ihrer Gruppe Riesenprofite einbringt. Und dann auch an einer großen Masse von Menschen, die eben nicht an Übermorgen denken können und wollen und nicht bereit oder mutig genug sind neue Konzepte zu erproben, zu propagieren und an deren Verbreitung aktiv mitzuwirken. Die Welt ist genau die Welt, die wir uns machen. Wenn genügend Menschen aktiv werden, neue Konzepte entwickeln und nutzen, diese bevorzugen und bewerben, dann funktionieren sie auch und etablieren sich. Es ist eben doch nicht immer so, wie es oft heißt: Das beste System, das beste Konzept wird sich am Ende durchsetzen. Schöner Gedanke, steckt ein bisschen  Sozial- und Wirtschaftsdarwinismus drin. Und ist ziemlich grundlegend falsch!

Vielmehr, als jetzt zu behaupten, Flattr (der Dienst steht hier übrigens nur exemplarisch für neue Konzepte des Bezahlens) sei bereits tot oder schon immer nur Utopie, wäre es doch eine Illusion sich vorzustellen, innerhalb der jetzt ziemlich genau zwei Jahre seit der Gründung hätte Flattr schon ein weit verbreitetes und etabliertes System werden können. Zumal, wenn der Dienst, außer im netzaffinen Spektrum weitgehend ignoriert wird. Zwar haben ein paar Zeitungen (z.B. die TAZ) ihre Onlineartikel mit Flattr-Button versehen, aber wirklich aktiv beworben und außerhalb des Netzes diskutiert wurde der Dienst nicht. Nur weil da ein weiterer bunter Button unter einem Artikel klebt, klicken da nicht Hinz und Kunz drauf, die mal zum Zeitung lesen ins Netz gehen, ansonsten die Entwicklungen aber nicht wirklich parat haben. Zudem leben wir in einer gesellschaftlich so tief verankerten, dass sie schon gar nicht mehr als solche erkannt und benannt wird, ökonomischen Ideologie des Marktes, der angeblichen Preisgestaltung über Angebot und Nachfrage, dass diese, obzwar in Reinform, schon längst als Nonsens erkannt, immer noch als ökonomisches Naturgesetz gehandelt wird.

Sowas sind Dinge die sehr langsam vonstatten gehen. Die Vorstellung, dass etwas keinen festen Preis, aber trotzdem einen Wert hat und daher freiwillig dafür bezahlt wird, ist etwas das über relativ lange Zeiträume, vielleicht eine Generation, im Bewusstsein wachsen muss. Sicherlich, schon immer wird für bestimmte Dinge gespendet und es gibt Bereiche, wie etwas die OpenSource-Software Bewegung und in Ansätzen vielleicht auch CreativeCommons-Musik (hier sind die Spenden allerdings bisher auch extrem gering). Aber das sind dann auch ganz bestimmt Gruppen, die wohl auch zu den ersten gehörten, die Flattr (wobei es gerade in OpenSource-Kreisen auch größere Vorbehalte diesem konkreten Dienst gegenüber gibt) nutzen und gerne freiwillig zahlen. Bei herkömmlichen Spenden sieht es wieder anders aus. Der Großteil davon entspringt steuerlichen Überlegungen und der Imagepflege von Unternehmen im Zuge der Corporate-Identity-Pflege. Private Spenden werden ebenso steuerlich begünstigt und es lässt sich damit das Gefühl des Gutmenschentum erkaufen. Was alles nicht schlecht sein muss, nur sind die Beweggründe hier eben noch lange nicht die, die ein gesellschaftlicher Wandel der Bezahlmentalität bedarf. Aber als Vision weitergedacht: Ich denke die Menschen erkennen der Wert der Kultur, der Medien, Musik, Literatur, der Zeitungen und Zeitschriften, Bildung und vielem mehr. Auch dann wenn es vielleicht keinen festen Preis hat. Das steigert sogar insgesamt den Wert. Dann ist es nicht mehr vom Geldbeutel des Einzelnen abhängig, ob Teilhabe am kulturellen, politischen Leben möglich ist oder nicht. Hat man zeitweise wenig Geld, als Student beispielsweise oder temporärer Arbeitslosigkeit wie sie in Zukunft wohl in fast allen Gesellschaftsschichten immer wieder zum Alltag gehören wird, bezahlt man eben wenig oder manchmal auch gar nicht. Trotzdem konsumiert man Zeitungen, liest Bücher, bekommt also mit was passiert, erweitert den eigenen Horizont. Später, wenn ausreichend Geld zur Verfügung steht, zahlt man wieder, dann vielleicht auch gerne mal ein bisschen mehr. Klar, man kann auch jetzt schon nahezu umsonst Bücher und Zeitungen lesen, indem man Bibliotheken besucht und denn bisher noch weitgehend freien Content im Netz nutzt. Aber wenn diese Freiheit zum Ideal der Gesellschaft wird, die bewusste Entscheidung zu freier Kultur, zu freien Medien, dann wandet sich langsam der Bezug dazu. Und der muss eben nicht, soweit ist mein, vielleicht weltfremdes Menschenbild überzeugt, ein Bezug der Gratiskultur oder Umsonstmentalität sein, sondern gerade weil es frei verfügbar ist, wird der intrinsische Wert noch weit mehr anerkannt, als es das heutige System fester Preise erreicht. Ein Preis heute ist für die meisten Menschen doch eher eine Last. Man muss ihn eben zahlen um das Ding zu erhalten. Dafür vergleicht und sucht man dann auch gerne ein bisschen die günstigste Alternative, wägt Vor- und Nachteile ab um am Ende das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu erzielen. Davon würden wir, daran glaube ich, bei konsequenter Unterstützung neuer, alternativer Zahlungsmodelle, irgendwann wegkommen.

Plädoyer des Ganzen also: Ein bisschen mehr Weitsicht. Ein bisschen raus aus dem was in den Massenmedien als Quasi-Gesetz verkauft wird. Nicht nur im Schema der heutigen Ökonomie und der eher mäßig realisierten Demokratie denken. Da ist noch einiges möglich! Das Ende der Geschichte wurde nicht erreicht! Es wird auch nie erreicht, solange es noch Menschen gibt. Demokratie ist super, aber auch sie ist noch lange nicht bis ans Ende verwirklicht. Wer also ganz ohne Visionen ist, der oder die sollte wirklich zum Arzt gehen.

Eine (nachhaltige) energetische Zukunft!

Quelle: Wikimedia Commons

Bei all der ideologie- und lobbyismusgetragenen Propaganda, sowie dem sonstigen Blödsinn, von dem wir sowohl von unseren Regierungen wie auch von privaten Interessengruppen immerzu malträtiert werden, ist es doch schön, die Richtigkeit des eigenen Denkens hin und wieder bestätigt zu wissen. Oft genug wird beim gedanklichen Abweichen vom Mainstream und dem Nachdenken über den herrschenden Status quo hinaus, Utopie und ähnliches unterstellt.

Anlass ist diesmal die heute gehörte Folge des Raumzeit-Podcastes der von ESA und DLR zusammen mit Tim Pritlove produziert wird. Die Folge 33 mit Franz Trieb vom DLR-Institut für technische Thermodynamik widmete sich dem Thema Energie der Zukunft. Vor allem das, was relativ am Ende des Podcasts im Zusammenhang mit der seit ein paar Jahren unter dem Label Desertec bekannten Pläne besprochen wurde, trifft so ziemlich genau das, worüber ich selbst, seitdem das Thema durch die Medien geistert, intensiv nachgedacht habe. Ein Thema, das mich als Geograph natürlich, neben dem generellen Interesse am Raumzeit-Podcast, zusätzlich interessiert. Nachhaltigkeit ist schließlich ein wichtiger Begriff in der Geographie, auch wenn ich selbst ihm schon längst überdrüssig wurde, da er schon längst zur völligen leeren Marketingphrase wurde. Weshalb er im Titel auch nur in Klammern zu ertragen ist!

Ich gebe zu, anfangs tat ich mich etwas schwer, die Pläne solcher Großinititativen zu begrüßen. Generell mehr ein Freund kleinerer Netzwerke und reginoaler Projekte, schien mir an den erneuerbaren Energien bisher immer deren Dezentralität und eine gewisse aufkommende Unabhängigkeit von großen Energiekonzernen als ein sehr sympathischer Nebeneffekt. Doch schnell, nach einiger Beschäftigung mit dem Thema, sah ich ein, dass allein kleine Initiativen die kommenden Energiefragen niemals lösen. Es muss also eine Vernetzung verschiedenster Infrastrukturmaßnahmen zusammenkommen. Offshore-Windparks in der Nordsee werden schließlich auch nicht von kleinen privaten Gruppierungen und Kommunen getragen, sondern von den bekannten Energieriesen, die auch nach dem fossilen Zeitalter ihre Goldgrube nicht einfach verlassen wollen.

Was sind jetzt also die Punkte, die mir im Podcast auffielen und die mir auch selbst schon lange als Gedanken und Ideen im Kopf waren? Zum einen sind es die möglichen Gewinne die nicht nur Europa sondern auch die afrikanischen und arabischen Länder dadurch haben können. Stromenergie wird ganz sicher einer der wichtigsten „Rohstoffe“ der Menschheit bleiben. Auch wenn überall von Einsparungen (z.B. in der Gebäudetechnik) die Rede ist, der Gesamtbedarf wird nichts desto trotz weiterhin steigen. So bieten solarthermische Kraftwerke in den Ländern Nordafrikas nicht nur eine Energiequelle für Europa und eine mögliche Landnutzung für dieses bisher kaum nutzbare Gebiet. Sie können auch dazu beitragen einige der aufziehenden Probleme dieser Region selbst zu lösen. Wasserknappheit und Desertifikation sind sowohl in Südeuropa als auch in den Randbereichen der Sahara zunehmende Probleme. Wenn nun ökologisch verträglich große Mengen Energie produziert werden, kann nicht nur die Stromversorgung der Region auch nach dem Öl gesichert bleiben und den Ländern damit Einkünfte verschaffen, sondern klimaneutrale Entsalzungsanlagen und Landbewässerung kann dafür sorgen, auch die landwirtschaftliche Situation wesentlich zu verbessern.

Wie auch Franz Trieb glaube ich fest daran, dass diese Projekte nicht nur einen ökonomischen Nutzen für die afrikanischen Länder haben, sondern auch politisch und sozial zur Stabilisierung und zum gesellschaftlichen Wandel beitragen können, der durch die „arabische Revolution“ 2011 bereits seinen Anfang nahm.

Emissionshandel für alle?

Nachdem ich nun eine längere Zeit des andauernden Lernstress‘ hinter mir habe und dafür auch durchaus erfreulich belohnt wurde, bin ich gerade dabei angesammelte Zeitungen, Zeitschriften und vielleicht auch mal wieder ein paar Bücher abseits geographischer Lehr- und Fachbücher zu lesen. Und nebenbei, mal sehn was darauf wird, vielleicht auch den einen oder anderen Beitrag hier posten.

Gerade hab ich mir die letztwöchige Zeit (Nummer 42, vom 9. Oktober) geschnappt. In der Rubrik „Wissen“ schreibt der Naturphilosoph und Wissenschaftstheoretiker Olaf L. Müller, wie er sich einen weltweiten CO2-Emissionshandel vorstellen könnte. Im Blick hat er dabei ein System des Zertifikatehandels für jede Einzelperson.

Am Ende kommt er auf die Frage nach der Bürokratie zu sprechen. Nein, sagt er, das Auszahlungssystem würde keinen monströsen Verwaltungsapparat schaffen. Nur ein Fingerabdruck und mal würde seinen gerechten Anteil erhalten. Für’s Bezahlen mag das möglich sein und auch zu Zahlende zur Kasse bitten, da steckt wohl nicht das Problem. Nicht erwähnt bleibt jedoch: Auf welche Weise stellt Müller sich die genaue Erfassung der CO2-Bilanz eines jeden Menschen vor. Wenn da nicht eine riesengroße Bürokratie- und Rechenkrake auf die Menschheit warten soll, wie soll das Ganze funktionieren? Zur genauen Erfassung der individuellen Kosten oder Ansprüche müsste schließlich jede einzelne (Konsum-)handlung eines Menschen kontrolliert und erfasst werden. Das wäre dann der letzte Schritt zum vollständig durchleuchteten Individuum. Jeder Einkauf, jede Reise, alles müsste erfasst und in der persönliche Bilanz verrechnet werden. In Industriestaaten rein theoretisch vielleicht noch ansatzweise möglich, jedoch in eher unwegsamen – ob politisch oder topographisch – Erdregionen, dort wo doch vorwiegend diejenigen leben denen gerechterweise Ansprüche aus diesem Ausgleichhandel zukommen sollten, wird sowas gänzlich unmöglich.  Ob der Theoretiker Müller daran wirklich nicht gedacht hat, oder ob ihm hier dann doch nur die statistische Bewertung individueller Emissionen vorschwebt, würde mich schon interessieren.

Kapitalismuskritik in der ZEIT

Im Feuilleton Ausgabe 14 der Wochenzeitung Die Zeit, vom 27. 03. hat Thomas Assheuer eine sehr gute und für ein großes deutsches Leitmedium doch eher ungewöhnlich „radikale“ Kritik am Kapitalismus geschrieben. Es kommt vieles zur Sprache, was sonst nur in der sogenannten linken Presse zu lesen ist. Es tut gut und ist wichtig, diese nur allzu berechtigte Kritik endlich einmal in einem Medium finden, in dem sich nicht nur, die ohnehin schon längst kapitalismuskritischen Menschen dieser Gesellschaft austauschen, sondern das vom gesamten Bildungsbürgertum (auch hier wieder das sogenannte!) konsumiert wird. Ob’s was bringt ist eine andere Frage, anzunehmen ist es leider nicht! Zu starr sind die ideologischen Blockaden der meisten, zu engstirnig das Denken der „Eliten“ in diesem und anderen Ländern.

Was mich enttäuscht: Auch Assheuer macht, bei all der Kritik, am Ende des Artikels doch wieder den Schwenk, zurück in die westlich kapitalistische Ideologie und präsentiert damit einen alten Mythos. Zwar nicht, wie andernorts so oft, als naturgegebenes Gesetz, aber doch immerhin als „historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit und Gerechtigkeit“. Es geht um das Zusammengehören von Demokratie und Kapitalismus. Was dabei dann bei Leserin und Leser hängenbleibt, und das durchaus bewusst, ist folgendes: Kapitalismus ist die Wirtschaftsform der Demokratie. Und da wir doch alle demokratische Menschen sind, an individuelle Freiheit und Rechte glauben, bleibt uns auch keine Alternative zur kapitalistischen Ökonomie.

Das die Wirklichkeit eine andere ist, würde schon ein Blick nach Fernost zeigen: China beweist sehr gut, dass Kapitalismus durchaus auch ohne bürgerliche Demokratie zu haben ist. Und wie wäre es dann andersherum? Demokratie ja, Kapitalismus nein. Sicher, richtg ist schon, Kapitalismus beruht auf freiem Markt und die Demokratie auf der Freiheit der Menschen, aber das macht den zwingenden Zusammenhang doch noch lange nicht zum Naturgesetz! Man sieht schließlich deutlich genug, dass ein Übermaß an freiem Markt die menschliche Freiheit mitunter auch ganz schön beengen kann.

Also wäre es nicht an der Zeit, einmal danach zu fragen, ob vielleicht Demokratie auch mit anderer Ökonomie vielleicht sogar einer wesentlich besseren, heißt demokratischeren, Form zu erreichen wäre. Immerhin gehen einige postmarxistische, linke Überlegungen in verschiedene basisdemokratische und ähnliche Richtungen. Aber das sind eben schon wieder nicht die Dinge, die in einem deutschen Leitmedium diskutiert werden und daher vielleicht leider nur unzureichend im öffentlichen Denken bekannt sind.