nullmeridian aka nunatak

Hin und wieder schreibe ich hier was.

Kategorie: Politik

Wer ohne Visionen ist, sollte zum Arzt gehen!

Vorhin beim Hören eines Vortrags-Podcast und der anschließenden Diskussion zum Thema Freiheit ging es auch um das Thema Utopie einer besseren, einer kommenden Gesellschaft. Wie realistisch ist es darauf zu hoffen, darüber nachzudenken und dafür aktiv zu sein. Dabei kam ich dann doch zu dem Entschluss nun endlich mal den Blogbeitrag zu verfassen der mir schon eine ganze Weile im Magen herumliegt.

Wie ist das eigentlich mit dem Utopischen, mit dem Nachdenken über eine kommende Gesellschaft, das ein bisschen weiter geht als das was sich viele vorstellen können oder wollen weil sie dann doch in den Ideologien der derzeitigen Paradigmen festsitzen.

Einige konkrete Themen die derzeit im Netz und mittlerweile auch außerhalb – dort leider mit geringem Verständnis oder zumindest mit vielen Falschbehauptungen über die angeblichen „Netzpositionen“ – diskutiert werden betreffen genau das: den Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft. Zum Beispiel das Thema Urheberrecht. In den letzten Tagen wieder ganz weit oben was Twitter und Blogbeiträge angeht. Wieder mal wurde eine Unterschriftenliste präsentiert, diesmal von Schriftstellern (zumindest überwiegend, soweit ich das gesehen habe) der Offline-Generation. Wir sind die Urheber (ihr also nicht!) hieß es. Und wir wollen daher auch sagen wo es lang geht mit dem Urheberrecht, war der offensichtlich Impetus der Aktion. Prompt kam die Antwort (oder auch hier), nämlich von vielen im Netz publizierenden, nicht minder relevanten Urhebern, die in der Zeit-Aktion einfach ignoriert wurden.

Michael Seemann (@mspro) forderte kürzlich auf Spiegel Online etwas provokant „Schafft das Urheberrecht ab!“. Was steckt da drin? Michael Seemann wird wohl wissen, dass das nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen geschehen wird. Es ging auch eher um eine wenn-dann Positionierung: Wenn es um die Frage des freien Internets geht, was ist wichtiger? Da muss man dann wohl wirklich sagen, der Erhalt eines freien Netzes ist systemrelevanter als ein überkommenes Urheberrecht und sein durch Restriktionen erkämpfter Erhalt.

Im Grunde geht es dabei auch um anderes. Um langfristige Perspektiven einer Gesellschaft, die vielleicht irgendwann gar kein Urheberrecht mehr braucht. Und vielleicht sogar erkennt, dass es die kulturelle Vielfalt nicht zerstört sondern sogar bereichern und beschleunigen kann.

Vorerst wird man das Urheberrecht ohnehin nicht abschaffen. Demokratie (zumal die parlamentarische) läuft sehr langsam und nicht revolutionär. Viele wollen bewahren, fürchten um ihre Goldgruben. Aufregung ist daher nicht geboten. Diese Energie sollte lieber in neue Konzepte gesteckt werden. Ansätze sind da. Kulturwertmark, Flattr, neue Bezahlsysteme, die nicht nach der Logik: Dies ist mein Preis, zahl oder geh! funktionieren, wurden bereits geschaffen. Und von vielen wieder für tot erklärt! Sogar von Netzmenschen. Journalist Wolfgang Michal, der auch bei Carta.info publiziert hat es z.B. in irgendeinem zurückliegenden DRadio Wissen OnlineTalk (oder war’s doch woanders, find den richtigen Beitrag grad nicht? DRadio Wissen, ein längerer Diskussionstalk, soviel ist sicher!) gesagt. @Frau_Elise kam auch mit den Tweets: Flattr ist Utopie, das nutzt kaum einer. und Das ist leider völlig naiv und weltfremd. ums Eck. Nun, ist es natürlich nicht. Weder das Eine, noch das Andere. Das Letzte, weltfremd? Nun ja, vielleicht. Vielleicht aber nur dann, wenn die Bremser und tief unten im Ideologiepelz sitzenden Menschen sich immer weiter durchsetzen können. Gut möglich, dass Flattr und ähnlich geartete Systeme sich nicht durchsetzen, keinen Erfolg haben werden und am Ende doch nichts anderes als Utopie bleiben. Das liegt dann aber nicht an den Diensten und Konzepten die schlecht oder ungeeignet zur Lösung der Urheberrechtsfragen und dem Fortschreiten der menschlichen Gesellschaft wären. Es liegt vielmehr zum einen an einer starken Lobby die den wirtschaftlichen Status quo erhalten will, weil das ihrer Gruppe Riesenprofite einbringt. Und dann auch an einer großen Masse von Menschen, die eben nicht an Übermorgen denken können und wollen und nicht bereit oder mutig genug sind neue Konzepte zu erproben, zu propagieren und an deren Verbreitung aktiv mitzuwirken. Die Welt ist genau die Welt, die wir uns machen. Wenn genügend Menschen aktiv werden, neue Konzepte entwickeln und nutzen, diese bevorzugen und bewerben, dann funktionieren sie auch und etablieren sich. Es ist eben doch nicht immer so, wie es oft heißt: Das beste System, das beste Konzept wird sich am Ende durchsetzen. Schöner Gedanke, steckt ein bisschen  Sozial- und Wirtschaftsdarwinismus drin. Und ist ziemlich grundlegend falsch!

Vielmehr, als jetzt zu behaupten, Flattr (der Dienst steht hier übrigens nur exemplarisch für neue Konzepte des Bezahlens) sei bereits tot oder schon immer nur Utopie, wäre es doch eine Illusion sich vorzustellen, innerhalb der jetzt ziemlich genau zwei Jahre seit der Gründung hätte Flattr schon ein weit verbreitetes und etabliertes System werden können. Zumal, wenn der Dienst, außer im netzaffinen Spektrum weitgehend ignoriert wird. Zwar haben ein paar Zeitungen (z.B. die TAZ) ihre Onlineartikel mit Flattr-Button versehen, aber wirklich aktiv beworben und außerhalb des Netzes diskutiert wurde der Dienst nicht. Nur weil da ein weiterer bunter Button unter einem Artikel klebt, klicken da nicht Hinz und Kunz drauf, die mal zum Zeitung lesen ins Netz gehen, ansonsten die Entwicklungen aber nicht wirklich parat haben. Zudem leben wir in einer gesellschaftlich so tief verankerten, dass sie schon gar nicht mehr als solche erkannt und benannt wird, ökonomischen Ideologie des Marktes, der angeblichen Preisgestaltung über Angebot und Nachfrage, dass diese, obzwar in Reinform, schon längst als Nonsens erkannt, immer noch als ökonomisches Naturgesetz gehandelt wird.

Sowas sind Dinge die sehr langsam vonstatten gehen. Die Vorstellung, dass etwas keinen festen Preis, aber trotzdem einen Wert hat und daher freiwillig dafür bezahlt wird, ist etwas das über relativ lange Zeiträume, vielleicht eine Generation, im Bewusstsein wachsen muss. Sicherlich, schon immer wird für bestimmte Dinge gespendet und es gibt Bereiche, wie etwas die OpenSource-Software Bewegung und in Ansätzen vielleicht auch CreativeCommons-Musik (hier sind die Spenden allerdings bisher auch extrem gering). Aber das sind dann auch ganz bestimmt Gruppen, die wohl auch zu den ersten gehörten, die Flattr (wobei es gerade in OpenSource-Kreisen auch größere Vorbehalte diesem konkreten Dienst gegenüber gibt) nutzen und gerne freiwillig zahlen. Bei herkömmlichen Spenden sieht es wieder anders aus. Der Großteil davon entspringt steuerlichen Überlegungen und der Imagepflege von Unternehmen im Zuge der Corporate-Identity-Pflege. Private Spenden werden ebenso steuerlich begünstigt und es lässt sich damit das Gefühl des Gutmenschentum erkaufen. Was alles nicht schlecht sein muss, nur sind die Beweggründe hier eben noch lange nicht die, die ein gesellschaftlicher Wandel der Bezahlmentalität bedarf. Aber als Vision weitergedacht: Ich denke die Menschen erkennen der Wert der Kultur, der Medien, Musik, Literatur, der Zeitungen und Zeitschriften, Bildung und vielem mehr. Auch dann wenn es vielleicht keinen festen Preis hat. Das steigert sogar insgesamt den Wert. Dann ist es nicht mehr vom Geldbeutel des Einzelnen abhängig, ob Teilhabe am kulturellen, politischen Leben möglich ist oder nicht. Hat man zeitweise wenig Geld, als Student beispielsweise oder temporärer Arbeitslosigkeit wie sie in Zukunft wohl in fast allen Gesellschaftsschichten immer wieder zum Alltag gehören wird, bezahlt man eben wenig oder manchmal auch gar nicht. Trotzdem konsumiert man Zeitungen, liest Bücher, bekommt also mit was passiert, erweitert den eigenen Horizont. Später, wenn ausreichend Geld zur Verfügung steht, zahlt man wieder, dann vielleicht auch gerne mal ein bisschen mehr. Klar, man kann auch jetzt schon nahezu umsonst Bücher und Zeitungen lesen, indem man Bibliotheken besucht und denn bisher noch weitgehend freien Content im Netz nutzt. Aber wenn diese Freiheit zum Ideal der Gesellschaft wird, die bewusste Entscheidung zu freier Kultur, zu freien Medien, dann wandet sich langsam der Bezug dazu. Und der muss eben nicht, soweit ist mein, vielleicht weltfremdes Menschenbild überzeugt, ein Bezug der Gratiskultur oder Umsonstmentalität sein, sondern gerade weil es frei verfügbar ist, wird der intrinsische Wert noch weit mehr anerkannt, als es das heutige System fester Preise erreicht. Ein Preis heute ist für die meisten Menschen doch eher eine Last. Man muss ihn eben zahlen um das Ding zu erhalten. Dafür vergleicht und sucht man dann auch gerne ein bisschen die günstigste Alternative, wägt Vor- und Nachteile ab um am Ende das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu erzielen. Davon würden wir, daran glaube ich, bei konsequenter Unterstützung neuer, alternativer Zahlungsmodelle, irgendwann wegkommen.

Plädoyer des Ganzen also: Ein bisschen mehr Weitsicht. Ein bisschen raus aus dem was in den Massenmedien als Quasi-Gesetz verkauft wird. Nicht nur im Schema der heutigen Ökonomie und der eher mäßig realisierten Demokratie denken. Da ist noch einiges möglich! Das Ende der Geschichte wurde nicht erreicht! Es wird auch nie erreicht, solange es noch Menschen gibt. Demokratie ist super, aber auch sie ist noch lange nicht bis ans Ende verwirklicht. Wer also ganz ohne Visionen ist, der oder die sollte wirklich zum Arzt gehen.

Rette deine Freiheit!


Eine sehr schöne Antiwerbung für die CDU/CSU und deren derzeitige Sicherheitspolitik in Bezug auf das Internet und Schäubles Plänen zur Terrorabwehr hat Alexander Lehmann mit diesem Video geliefert. Satire, aber leider auch schon viel zu wahr! Auf der Projektseite kann das Video in verschiedenen Qualiäten heruntergeladen werden. Außerdem finden sich zu den angesprochenen Punkten Erklärungen auf welche Gesetze und Gesetzesvorschläge diese sich jeweils beziehen (mit weiterführenden Links). Sehr hilfreich um einen Überblick zu bekommen.

Wenn das nicht ausreicht all jenen die halbwegs an den freiheitlichen Aspekten der Demokratie interessiert sind, die CDU als mögliche Wahlentscheidung ein für allemal zu verbieten, ist wohl nicht mehr zu helfen.

Und weil’s so gut zum Thema passt, sei an dieser Stelle allen das neue Buch von Ilija Trojanow und Juli Zeh „empfohlen“ (weil ich’s selbst auch erst noch lesen muss): Angriff auf die Freiheit. Im Deutschandradio wurde das Buch hier sehr ausführlich besprochen (♫♪ Podcast zum hören ♫♪)

Zensurvorhaben der Bundesregierung stoppen!

Seit fünf Tagen läuft nun die Online-Petition auf der Seite des Deutschen Bundestages gegen die geplante Zenur von Internetseiten zum Eindämmung von Kinderpornographie. Mit sehr großem Erfolg! Schon heute morgen wurden die nötigen 50000 Unterzeichnungen erreicht, die nötig sind um eine Anhörung vor dem Petitions-Ausschuss zu erreichen.

Mittlerweile sollte sich Petition zwar bei vielen herumgesprochen haben. Getwittert wird fast pausenlos darüber und auch die größeren Nachrichtenportale wie Spiegel-Online und die Zeit haben das Thema bereits aufgegriffen. Die Blogosphäre, Heise bzw. Telepolis sowieso. Wieso muss also jetzt auch hier noch drüber geschrieben werden?

Nun, es muss nicht! Hab mir auch länger überlegt ob ich jetzt auch noch etwas dazu schriebe. Reicht es nicht die Petition vorgestern unterschrieben zu haben? Doch trotzdem mach ich’s jetzt, denn vielleicht sind auch auf diesem Wege noch ein paar Unterschriften zu bekommen. Außerdem lässt sich anhand der Anzahl, der zum Thema geposteten Blogeinträge noch zusätzlich die Wichtigkeit der Petition messen.

Hier geht es übrigens keineswegs darum, kinderpornographische Netzinhalte zu schützen oder zu verharmlosen. Die sollten selbstverständlich aufgespührt hart geahndet werden. Darüber gibt es keine Diskussion. Ich denke auch kaum eine Unterzeichnerin und kaum ein Unterzeichner der Petition hat so etwas im Sinn. Nur wird seit Monaten von sämtlichen Experten die Nützlichkeit der Internetzensur bezweifelt. Zum einen lassen sich einfach bei der Masse an Inhalten niemals sämtliche Seiten sperren, schneller als gesperrt wird kommen die gleichen Inhalte an anderer Stelle wieder ins Netz. Außerdem sind gesperrte Seiten mit einfachsten Tricks zu umgehen. Statt des Adressnamens einfach nur die Ziffernfolge einer URL eingegeben, schon ist man wieder auf der gesperrten Seite. Das zeigt auch das Unverständnis über die Verfasstheites des Internets, seitens der Gesetzgeber. Ein anderer wichtiger Punkt sind die Auswirkungen die eine solche Zensur für das Internet hätte. Das sind einmal technische und gesellschaftliche. Vor ein paar Wochen hörte ich einen interessanten Podcast des Deutschandradios zum Thema. Hier wurde ein IT-Experte (find das Interview grad nicht, aber hier könnt ihr für die nächsten Wochen noch mal hintergründiges zum Thema hören) befragt, der ebenfalls sagte eine Sperrung sei unsinnig, da sie niemals den gewünschten Erfolg haben würde und außerdem würden bereits einige hundert gesperrte Seiten aufgrund der Struktur des Internets zu erheblichen Geschwindigkeitsverlusten bei der Datenübertragung führen. Wie dies nun genau vonstatten geht weiß ich nicht, bin ja auch kein IT-Experte.

Das andere ist – nicht minder wichtig – ein erheblicher Eingriff in die Freiheit des Internets, welche auf keinen Fall akzeptiert werden darf. Schon hoffen allerhand andere Interessenten auf zukünftige Sperrungen unliebsamer Netzinhalte. Ob es dabei um Copyrightverletzungen der Musik- oder in Zukunft auch der Verlagsbranche geht, oder sonstigen ungern gesehenen Content. Das Tor einer umfassenden Zensierung des Internets wäre mit diesem Gesetz jedenfalls aufgestoßen. War nicht die Freiheit des Internet noch bis vor kurzem eines der demokratischen Ideale der westlichen Welt. Hört man nicht mehr den Aufschrei und die – sich jetzt als scheinheilig offenbarende – Diskussion um Googles freiwillige Zensur beim Antritt in China?

Deswegen um es endlich auf den Punkt zu bringen: Wer’s noch nicht getan hat, unterschreibt! Hier noch einmal der Link. Auf dem Blog MOGiS (hier auch eine nette Grafik um den Petitions-Fortschritt zu verfolgen) könnt ihr lesen wieso es wichtig ist noch mindest das dreifach an Unterschriften zu bekommen. Oder ist das Thema vielleicht nicht wichtiger als alberne Interessen der Autofahrlobby, die immer noch nicht verstanden hat, dass endlich eine neue Ära der Mobilität anbrechen muss.

Ehrlich gesagt ist es nicht so, dass ich großartig an den Erfolg solcher Online-Petitionen glaube. Unzählige Kritiker wurden in den letzten Monaten nicht gehört. Aber, und das ist das entscheidende: Die Medien und ein großer Teil der Bürger und Bürgerinnen werden auf diese Weise erneut auf das Thema aufmerksam gemacht. Vielleicht führt es doch dazu, wenn am Ende hunderttausende diese Petition unterschrieben haben, dass ein paar Gesetzgeber noch einmal über die bereits vielfach vorgetragenen Kritikpunkte nachdenken und sinnvollere Maßnahmen gegen Kinderpronographie im Internetin die Wege leiten als dieses Gesetz.

Kapitalismuskritik in der ZEIT

Im Feuilleton Ausgabe 14 der Wochenzeitung Die Zeit, vom 27. 03. hat Thomas Assheuer eine sehr gute und für ein großes deutsches Leitmedium doch eher ungewöhnlich „radikale“ Kritik am Kapitalismus geschrieben. Es kommt vieles zur Sprache, was sonst nur in der sogenannten linken Presse zu lesen ist. Es tut gut und ist wichtig, diese nur allzu berechtigte Kritik endlich einmal in einem Medium finden, in dem sich nicht nur, die ohnehin schon längst kapitalismuskritischen Menschen dieser Gesellschaft austauschen, sondern das vom gesamten Bildungsbürgertum (auch hier wieder das sogenannte!) konsumiert wird. Ob’s was bringt ist eine andere Frage, anzunehmen ist es leider nicht! Zu starr sind die ideologischen Blockaden der meisten, zu engstirnig das Denken der „Eliten“ in diesem und anderen Ländern.

Was mich enttäuscht: Auch Assheuer macht, bei all der Kritik, am Ende des Artikels doch wieder den Schwenk, zurück in die westlich kapitalistische Ideologie und präsentiert damit einen alten Mythos. Zwar nicht, wie andernorts so oft, als naturgegebenes Gesetz, aber doch immerhin als „historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit und Gerechtigkeit“. Es geht um das Zusammengehören von Demokratie und Kapitalismus. Was dabei dann bei Leserin und Leser hängenbleibt, und das durchaus bewusst, ist folgendes: Kapitalismus ist die Wirtschaftsform der Demokratie. Und da wir doch alle demokratische Menschen sind, an individuelle Freiheit und Rechte glauben, bleibt uns auch keine Alternative zur kapitalistischen Ökonomie.

Das die Wirklichkeit eine andere ist, würde schon ein Blick nach Fernost zeigen: China beweist sehr gut, dass Kapitalismus durchaus auch ohne bürgerliche Demokratie zu haben ist. Und wie wäre es dann andersherum? Demokratie ja, Kapitalismus nein. Sicher, richtg ist schon, Kapitalismus beruht auf freiem Markt und die Demokratie auf der Freiheit der Menschen, aber das macht den zwingenden Zusammenhang doch noch lange nicht zum Naturgesetz! Man sieht schließlich deutlich genug, dass ein Übermaß an freiem Markt die menschliche Freiheit mitunter auch ganz schön beengen kann.

Also wäre es nicht an der Zeit, einmal danach zu fragen, ob vielleicht Demokratie auch mit anderer Ökonomie vielleicht sogar einer wesentlich besseren, heißt demokratischeren, Form zu erreichen wäre. Immerhin gehen einige postmarxistische, linke Überlegungen in verschiedene basisdemokratische und ähnliche Richtungen. Aber das sind eben schon wieder nicht die Dinge, die in einem deutschen Leitmedium diskutiert werden und daher vielleicht leider nur unzureichend im öffentlichen Denken bekannt sind.

Religionen im deutschen Schulsystem

Übers Wochenende war ich unterwegs, zuhause in der Heimat. Sowohl auf der Hin- als auf der Rückfahrt, als ich da so halb dösend, halb lauschend auf dem Rücksitz einer Mitfahrgelegenheit saß, kam jeweils ein Radiobeitrag zum Umgang mit dem Islam im deutschen Schulsystem. Beides ein alter Hut, doch beides voller Widersprüche und Ungereimtheiten.

Die erste Meldung, es war auf WDR 2 oder 3, am letzten Freitagvormittag. Es ging um Islamunterricht an deutschen Schulen. Auf der Islamkonferenz, die der Integration und dem Dialog dient, wurde er gefordert und eigentlich soll er auch kommen. Jetzt wurde gesagt, in NRW sei er vorerst nicht möglich, es fehle ein konkreter Ansprechpartner. Somit bleibt es bei bloßer Islamkunde, wie es als Fach schon unterrichtet wird.
An diesem Punkt fange ich dann an zu denken: Prima! Islamkunde ist doch super! So soll es sein. Wieso überhaupt Religionsunterricht? Sollte nicht auch endlich einmal der Schritt gemacht werden, den christlichen Unterricht, der im Gegensatz zur Religionskunde, das Glaubensbekenntnis vermitteln und die Schüler zum Mitglied der Glaubensgemeinschaft erziehen soll, ein für alle mal abzuschaffen? Was bitte hat das im Bildungssystem verloren?

Die Schule soll Menschen zu mündigen, selbstverantwortlich handelnden Menschen erziehen. Die Werkzeuge und Fähigkeiten vermitteln die in dieser Gesellschaft zum erfolgreichen Leben benötigt werden. So zumindest mein Verständnis von schulischer Bildung. Erziehung zum Glauben ist das Privileg der Eltern. Wenn diese unbedingt meinen, ihrem Nachwuchs den eigenen Glauben mitgeben zu müssen, sollen sie das tun. Gerne!

Deswegen: Religionskunde! Und zwar gleichberechtigt und für alle die Kunde aller wesentlichen Religionen. Sicher, im europäischen Raum erscheinen im Alltagsgeschehen die christlichen Religionen sowie der Islam, aber auch das Judentum als die wichtigsten und damit am relevantesten. Aber auch die Kenntnis von Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Konfuzianismus und verschiedene andere Strömungen – auch Sekten – können helfen, sich entwickelnden Menschen eine Basis zur freien Entscheidung zum Glauben oder dagegen, oder einfach nur um der Kenntnis der damit verbundenen kulturellen Verschiedenheiten zu geben.

Solange es aber christlichen Religionsunterricht gibt, muss es, auch wenn es ein Schritt in die falsche Richtung ist, gleichberechtigt auch allen anderen Glaubensgemeinschaften erlaubt sein, diesen in ähnlicher Form für Schüler und Schülerinnen der entsprechenden Religion anzubieten.

Auf der Rückfahrt kam dann auf SWR 3(?) ein Beitrag, der von einer Grundschullehrerin in Baden-Württemberg berichtete, die gegen das Verbot, ein Kopftuch zu tragen, bei der Schulbehörde klagte. Es handelt sich um eine, zum Islam konvertierte Frau, die schon seit Jahren das Kopftuch im Unterricht trug, der es jetzt allerdings verboten wurde.

Im Grunde ist es mir ziemlich egal wie solche Dinge gehandhabt werden. Ich bin damit einverstanden und sehe es auch als berechtigt an, wenn, wie beispielsweise in Frankreich, gesagt wird: Jegliches Tragen religiöser Symbole ist in der Schule verboten. Andererseits empfinde ich es nicht als schädlich, wenn eine muslimische Lehrerin ein Kopftuch, ein Christ dagegen ein Kreuzsymbol trägt. Das kann den Dialog fördern und Toleranz schulen. Kinder in einer Grundschule werden die Lehrerin fragen wieso sie das Tuch trägt und diese kann denen erklären warum es für sie wichtig ist. Solange es jeder einzelnen Lehrkraft selbst überlassen ist, Symbole zu tragen oder eben nicht, sehe ich keine Gefahr durch Beeinflussung gegeben. Es ist schließlich mehr als unwahrscheinlich, dass plötzlich eine ganze Schule in Deutschland nurmehr aus Lehrkräften islamischen Glaubens besteht, so dass diese Homogenität zum Problem werden kann. Diese Gefahr würde nur dann bestehen, wenn es im Interesse der Schule selbst läge, was mit der Glaubensfreiheit des Grundgesetztes allerdings nicht zu vereinbaren wäre. Da stellt doch schon viel mehr das Kreuz das in den meisten bayrischen Klassenräumen hängt eine größere Manipulation dar.

Was mich dann allerdings geärgert hatte, da auch hier wieder ein Widerspruch in der Gleichbehandlung der Religionen deutlich wird, ist die Tatsache, dass das Gericht selbst den Einwand, es würden an irgendeiner Schule in der Gegend auch drei Frauen im Ordensgewand unterrichten, nicht gelten lies. In Wahrheit sind es nicht drei Lehrerinnen im Ordensgewand. An sehr vielen, zumindest süddeutschen, Schulen sind Nonnen in entsprechender Robe eine Alltäglichkeit. Ich selbst ging vor Jahren in Bayern zur Schule und hatte mehrmals das – manchmal auch zweifelhafte – Vergnügen.

Was will ich sagen? Im Grunde dies: Religionsunterweisung raus aus den Schulen! Und bis es soweit ist, wenigstens konsequente Gleichbehandlung aller Glaubensgemeinschaften.

Wieder im Ghetto?

Eben las ich in der Ausgabe 78 von Lettre International den gleichnamigen Titel (dort allerdings ohne ein Fragezeichen) von Göran Rosenberg. Danach gleich den PC angeschmissen, um meine Gedanken, zumindest in Rohform, für einen Blogeintrag aufzubereiten und nach dem Autor zu googeln. Er war mir bisher eher unbekannt.

Dabei finde ich neben mehreren weiteren Artikeln des Autors auch, dass – wen wunderts, schließlich liegt diese Ausgabe der LI schon seit einiger Zeit wartend auf meinem weiterhin wachsenden Lesestapel – andere, wohl bekannte Netz-Schreiberlinge mal wieder um einiges schneller waren. Von daher gleich vorneweg, hier der Link zu Lizas Welt, die bereits am 26.10.2007 (!!) einen Kommentar in der Blogsphäre hinterlassen hat. Zu ihrem Beitrag möchte ich jedoch hier nicht weiter Stellung nehmen, sondern viel mehr mein eigenes Empfinden beim Lesen reflektieren.

Göran Rosenberg baut seinen Artikel zunächst einmal etwas mehrschichtig auf. Da ist seine verstorbene Tante Bluma, zu deren Beerdigung er nach Israel reist und über seine eigene Familiengeschichte berichtet. Dann bezieht er sich auf einen israelischen Dokumentarfilm, in dem die aktuelle Situation des Landes mit der Festung Massada und einem Kollektivselbstmord während der römischen Belagerung vergleicht. Das dritte Element, ist der direkte kritische Bezug auf die derzeitige israelische Politik, der ich in vielen Punkten nicht zustimmen kann.

[Dieser Beitrag wird morgen oder in den nächsten Tagen fertiggestellt!]

[…oder vielleicht doch noch etwas später. mal sehn!]